Segelfliegen am Rande des Alls

Kilo Mike Sierra
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Re: Segelfliegen am Rande des Alls

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Mo 28. Aug 2017, 14:45

bluemchen hat geschrieben:...Auf Dein Fragenspektrum komme ich noch, aber nicht mit einer Silbe ohne Substanz , heute ist/war Sonntag

Fragenspektrum?
Ich habe doch nur eine einzige kleine Frage gestellt (ganz am Ende).

Wenn ich das richtig verstehe, basiert die gezeigte Prognose auf einem Simulationsmodell - und die Perlan-Flüge könnten dazu beitragen dieses und andere Vorhersagemodelle zu verbessern.
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Thomas
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bluemchen
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Re: Segelfliegen am Rande des Alls

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Di 29. Aug 2017, 16:06

Ob man das als (gewisse) Simulation bezeichnen kann, weiß ich nicht, die Schlußfolgerung dürfte richtig sein.
Ohne mich tiefer damit beschäftigt zu haben, weiß ich aber, daß Anfangs große Mühe aufgewendet wurde in eine Softwareadaption und die Ballonarchtektur, auch gibt es enge Zusammenarbeit mit Bogota.

Das vorliegende grafische Schema basiert meines Wissens auf den Daten der Meteorologischen Stationen, Flugwetterwarte und der täglichen Ballonaufstiege, die bis in 105.000 ft programmiert sind. Damit wird die Prognose rechentechnisch erstellt und permanent aktualisiert.
Maßgeblich gehen ein die WIndschichtung in den definierten Höhenbereichen nach Richtung, Stärke -sowie Änderungen-, Temperatur, Feuchte in Abhängigkeit der Drucksysteme und hier wiederum des antarktischen Polarvortex (war schon mal erläutert) über der geografisch definierten Erdoberfläche.

Wir wissen, das es in der Meteorologie nicht statisches gibt, mathematische Modelle hochkompliziert und Vorhersagen somit immer relativ sein werden, in die auch Erfahrungswerte eingearbeitet werden können um zumindest nahe Resultate zu erreichen.
Die bisher im unteren und mittleren Bereichen erflogenen Werte spiegelten die Prognose durchaus wieder, somit gute wiss. (Vor)Arbeit.

Das wäre mein Verständnis dazu mit mageren Kenntnissen aus der Flugmeteorologie
R.
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Kilo Mike Sierra
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Re: Segelfliegen am Rande des Alls

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Di 29. Aug 2017, 16:59

Wetterballone waren eine großartige Idde, um systematisch meteorologische Daten im vertikalen Verlauf der Atmosphäre zu erheben. Ihr Nachteil, besonders in der heutigen datenüberfluteten Zeit: sie liefern nur "punktuelle" Meßwerte, was man auch als eine Stichprobe bezeichnen könnte.
Ein Stratosphärensegler könnte da wesentlich mehr Werte liefern, vor allem auch ihre horizontale Verteilung. Außerdem könnte man ihn gezielt in besonders interessierende Gebiete lenken und auch dort für längere Zeit halten (falls die Leewelle mitspielt).

Diese Erhebung realer Meßwerte ist sehr wichtig, um Vorhersage- und Simulationsmodelle validieren und verbessern zu können. Ohne diese Validierung bleiben sie Retortenmodelle - so wie z.B. das Modell mit dem die Ausbreitung der Vulkanasche im europäischen Luftraum "vorhergesagt" wurde.
Bei Flugsimulatoren wird diese Validierung der Simulationsmodelle bis auf die Spitze getrieben, ansonsten wäre ihre Nutzung für das Training von Piloten nicht zulässig.
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Re: Segelfliegen am Rande des Alls

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Mi 30. Aug 2017, 22:29

Um nochmal das Thema Meteorologie zu strapazieren - es ist hochinteressant.
Heute waren wir vom Wannsee nach Potsdam unterwegs bei zunächst stahlblauem Himmel, als sich später in unglaublich kurzer Zeit vom Westen her ein hoher Cirrus / Cirrostratus- Schirm (~ 10 Km) heraufzog oder besser -bildete, als Vorvorzeichen der heranziehenden Tief-Kaltfront, mit einhergehender Abmilderung des kräftigen Strahlungspegels heute.
Auf der Rücktour nach Tegel gegen Abend kamen dann noch Altostratus (mittlerer Bereich ~ 6 Km) dazu. Es geht also auch bei uns durchaus sehr dynamisch zu, ebenso mit dem unsteten Gesellen Wind.
Im Nebeneffekt zu beobachten waren die Steigflüge aus Tegel von der Bahn 26 über die Havelwasserstraße zunächst und nach einem Betriebsrichtungswechsel erfolgten dann aus dieser Richtung die Landungen auf der Bahn 08.
Da hatten wir plötzlich fast über dem Schiff das Fahrwerk einer Germania und 3´ später noch mal... Um die 18:00 Uhr ist eine gute Landezeit.
So hatte ich das tatsächlich noch nicht erlebt, leider kein Fotoapparat dabei, falls jetzt die Frage käme.

Noch ein kurzes Wort zu El Calafate und einer Erkenntnis: Wetterprognose ist so viel Kunst wie Wissenschaft, besonders in Patagonien >grins<
Dabei bildet die Perlan-Crew die besten Prognosen und Satelliten Fotos in diesem Jahr, wie sie selbst sagen. Voriges Jahr wurden vom GOES-13 Satelliten (Geostationary) für Southern Patagonien am Tag 3 Fotos veröffentlicht, in diesem Jahr vom GOES-16 Satelliten alle 15 Minuten (!), die dem Team in weniger als 1 Stunde online verfügbar sind. Mit den eigenen Ballondaten bei entsprechender positiver Vorhersage werden dann diese Prognosen bestätigt und eigene Charts erstellt.
Diese sind aber eben auch vergänglich, manchmal können sie nicht über ein paar Stunden halten. Damit begründet sich das enge Zusammenwirken mit der fliegenden Crew, um Erwartungen zu bestätigt oder wenn nicht, dann andere Bereiche zuzuweisen und zu testen.

"Steigen" ist nun mal das Schlüsselwort im motorlosen Flug >sup<
R.
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Re: Segelfliegen am Rande des Alls

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Do 7. Sep 2017, 22:55

Am 03. September wurde der Weltrekord vom 29. August vor 11 Jahren eingestellt.
Damals erflogen ebenfalls in El Calafate Einar Enevoldsen und Steve Fossett 15.460 m.

Sonntag stiegen sie auf 54.000 ft Druckhöhe / 52.172 ft GPS-Höhe und damit 1.000 ft über die notwendige neue Rekordhöhe.

03.Sept..png
Quelle: http://www.perlanproject.org/blog/world ... era-photos

Den Bericht kann man sich dort zu Gemüte führen. Längster Flug mit 6,6 Stunden; Kältester Flug mit Minus 68°; Höchster Flug von Perlan 2 bisher :-)
Und trotz sanfter Landung ging der Reifen flach, vermutlich waren die -68° etwas zuviel und die Batterie hatte auch hart zu tun, um Sauerstoffregler und "20 Zehen" erträglich zu halten.

Ein majestätisches kleines Video aus der Höhe über der Tropopause (wo es wieder marginal "wärmer" war)
https://www.youtube.com/watch?v=ieGE7AZdl3c
Dateianhänge
03.Sept. 1.png
03.Sept. 1.png (758.48 KiB) 262 mal betrachtet
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Re: Segelfliegen am Rande des Alls

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Mi 13. Sep 2017, 20:01

Der 09. September war insofern interessant, als es nach "nicht starker" Prognose einen 35.000 ft Lift gab

IMG_7901_0.jpg
Quelle: Blog http://www.perlanproject.org/blog/perla ... 35000-feet

Die SLW (Schwanz) Kamera fängt Bilder ein, wo hierzulande Herzen höher schlagen.

Der Boreo/Perlan2 -Scheppzug startete 9 min nach dem planmäßigen Airliner (!) mit Verweis auf "nicht Amateur". Oioioi.
Es war knappe Zeit nach den Hinweisen auf die Tropopause von den aktuellen Ballondaten auf entspr. Windverhältnisse, deswegen. Ein Versuch der lohnen sollte , mit einem turbulenten Patagonien Schlepp.
Im Kursweg stand plötzlich eine Rotorwolkenwand, die es in der Prognose nicht gab! Die erbrachte aber ein Steigen von 10 Knoten am Seil, ich meine, das ist heftig.
Es war der schnellste Lift auf 18.000 ft in dieser Kampagne bisher :wind: Keine Prognose sagte das voraus, verrückt mit der Meteorologie.
Mit allen Telemetriedaten nach 20.000 ft in Richtung von stapelförmigen Lentikularis (Linsenwolken) - argentinische Grenze. Es waren zwei unregelmäßige Föhnlücken zu queren, der Lift weniger als gedacht und vermutlich nicht über den Stapel hinaus.
Die chilenische LRÜ wollte ihren Luftraum für andere Verkehre frei halten und so blieb es beim High Point von 35.000 ft.

Noch ein seltenes Erlebnis: Es konnte aus dieser Höhe ein Abbruch vom großen Gletscher aufgenommen werden (in der Fotostrecke).

~~~~~~~~~~~~~
Anderen Tags am 10., als Hurrican IRMA Florida in Atem hielt, konnten 36.000 ft nach Ballon und Satellit- Goes-Daten erflogen werden, aber auch mit der Erfahrung eines 11-Knoten Abwärts-Lifts. Dann sind Höhen weg, schneller als gedacht.
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Re: Segelfliegen / Flattererregung

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Sa 16. Sep 2017, 12:07

Das Thema hatte Thomas schon mal angeschnitten als notwendiges Muster-Zulassungs- Prüfsiegel.
Verständlich für den gesamten Zulassungs-Einsatzbereich >>> Höhen / Geschwindigkeiten - und die sind bei Perlan durchaus sehr weit gespannt.

Nun gehe ich davon aus, daß die Maschine durchkonstruiert ist und dennoch gewinne ich den Eindruck es mit einem Muster-Dauer-Prüfknaben zu tun zu haben.
In den Tragflächen sind sowohl Aktivatoren wie Sensoren verbaut, um diese Tests ständig zu machen. Der riesige Datenstrom wird an Bord gespeichert wie auch sofort über einen Telemetriekanal gesendet. Der Kanal für Life-Support wie Avionik Daten wird vorwiegend zur Übertragung der Flatter Daten verwendet. Es geht um die Natur der dynamischen Aeroelastizität von Perlan, wie gesagt wird.
Nun frage ich die Aerodynamiker / Statiker Zelle - hier wird doch eine künstliche "Alterung/Ermüdung" provoziert mit den (hochfrequenten?) Schwingungen bei einer Zelle, die sowieso schon -für meine Begriffe- höchst belastet ist durch starke Turbulenz /Höhe / extreme Temperatur - Differenz / Geschwindigkeit / kosmische Strahlung? Na gut, die Geschwindigkeit kongruiert ja mit der Luftdichte, insofern weniger relevant.

Diese "Aeroelastik" ist auch ein neuerer WIssenschaftsbereich? Hier könnten die Messdaten womöglich dienlich sein, fällt mir eben ein.
Aber in einem Dauer-Versuchsträger zu fliegen sorgt auch nicht für die ruhigsten Gedanken

Nur mal so, ein Gedanke zum fliegenden Wochenende
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Re: Segelfliegen am Rande des Alls

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Mo 18. Sep 2017, 00:10

Das kam jetzt etwas überraschend im Blog : Packing Up - Airbus Perlan Mission II

-Es war eine wertvolle Kampagne, das Team lernte und forschte jeden Flug, war immer bereit, die Bedürfnisse Airbus Perlan zu priorisieren . Die Kampagne entwickelte sich zu einer Expedition, die mit dem hohen Flug neuen Rekord erreichte, aber es war nicht der Höhepunkt des Projektes.
Wie kommen wir dahin mit dem jetzigen Wissen?
So das Team.
Mal sehen, was offiziell noch dazu kommt.
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