AN-2 Absturz bei Flugshow nahe Moskau

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bluemchen
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Re: AN-2 Absturz bei Flugshow nahe Moskau

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Do 2. Nov 2017, 20:35

Ich sehe den Ausgangspunkt des Verhängnisses woanders im Vergleich des Programmes 2016 / 2017

Es wurde schon erwähnt, beide Programme sind zunächst identisch und die Rauchspur ist ein super Indikator für die Flugdynamik

- 2016 erfolgte das Ausleiten aus dem Abschwung unmittelbar, siehe hier:
- die Rechtsquerlage ist fast vollständig eliminiert in der Überleitung zur Linksquerlage
An-2 ´17 1.png


- 2017 erfolgte an diesem Punkt (+-) noch nicht das Ausleiten (Abfangen), sondern der Sturzflugwinkel wird beibehalten, siehe hier:
- die Rechtsquerlage wird ebenso eliminiert, aber die Überleitung kommt später ... hier denke ich ZIEHEN!
An-2 ´17.png

somit gibt es einen weiteren verhängnisvollen Höhenverlust (aus welchen Gründen auch immer) und genau diese Meter fehlen dann am Ende.
An der Flugdynamik ansonst kann ich zumindest aus diesen Videoperspektiven eine Anomalität (im Sinne Steuerfehler /...) nicht erkennen - Grenzwertüberschreitungen außen vor.
- Vlt. war der barometrische Höhenmesser nicht auf "QFE" eingestellt und das Programm sollte zudem besonders spektakulär werden. Dann war das der Sargnagel

Den Bericht habe ich noch nicht gelesen mangels Übersetzung.
R.
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bluemchen
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Re: AN-2 Absturz bei Flugshow nahe Moskau

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Fr 3. Nov 2017, 00:42

Mal philosophisch ganz anders quergedacht

sehe ich für die imaginäre weitere Ausführung des Flugprogramms die Erdoberfläche des Platzes als Corpus Delicti an,
auch wenn sich das sehr dumm anhört.
Damit will ich sagen, nicht Absturz, sondern das dem Dimitri lediglich wenige Meter gefehlt haben (aus Gründen XY selbstverständlich) für die Weiterführung der Maschine -
und hier zeigen sich Parallelen zu Gagarins letzten Flug in seiner MiG-15. WIr haben das im Forum nicht thematisiert, aber dem Juri fehlten am Ende auch nur wenige Meter, um seine Maschine aus dem Sturzflug auszuleiten und dem Einschlag auf dem Boden zu entgehen.
Absolut tragische Geschichte in allen Fällen.

Wie sehen es denn unsere, im Sitz der Z-37 / M-18 /... alt gewordenen, AF- Kapitäne ?
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Kilo Mike Sierra
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Re: AN-2 Absturz bei Flugshow nahe Moskau

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Fr 3. Nov 2017, 12:01

Ich glaube, ich verstehe, was Du meinst.
Beim Unfallflug wurde die letzte extrem steile Linkskurve eingeleitet, als das Flugzeug noch deutlich im Bahnneigungsflug war. Im Jahr zuvor war das Flugzeug dagegen im Horizontalflug (und auch deutlich höher).

Die hohe Geschwindigkeit von knapp 300 km/h, die nur durch "Anstechen" zu erreichen war, wurde für die folgende Flugfigur (Turn) benötigt, wofür das Flugzeug senkrecht(?) nach oben gezogen werden sollte.

Um sich aus der verkorksten Steilkurve zu retten, hätte Dima Sucharew zuallererst die extreme Schräglage beseitigen müssen. Ohne das vorherige Wiederaufrichten des Auftriebsvektors wäre jeder Höhenrudereinsatz sinnlos gewesen. Es ist aber bis zum Aufschlag kein Querruderausschlag erkennbar. Was könnte ihn daran gehindert haben?
Ein nicht angeschnallter Mitflieger auf dem rechten Sitz, der durch die Resultierende aus Schwerkraft und Zentrifugalkraft nach links aus seinem Sitz gezogen wird, steht da bei mir auf Platz Eins der Liste.

Da hier nach Sicht geflogen wird, ist es kaum vorstellbar, daß Herr Sucharew die gefährlich niedrige Flughöhe nicht bemerkt haben könnte, zumal er bei dieser Schräglage nach links einen Panoramablick zum Boden hatte. Dennoch wäre es grundsätzlich möglich, daß ihm das aufgrund irgendeiner Ablenkung entgangen sein könnte. Diese plötzliche Ablenkung könnte zum Beispiel der neben ihm vom Sitz rutschende Mitflieger gewesen sein, selbst wenn er ihm nicht ins Steuer gefallen ist.

Auf Youtube gibt es ein Video, wo sowohl Fluglehrer als auch Flugschüler unangeschnallt eine An-2 fliegen. Diesen sträflichen Leichtsinn kann ich einfach nicht verstehen. Wer ein Flugzeug fliegen kann, muß doch auch ein gewisses Maß an Grips haben ... und gerade ein Fluglehrer sollte sich vorbildlich verhalten.
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Thomas
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bluemchen
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Re: AN-2 Absturz bei Flugshow nahe Moskau

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Fr 3. Nov 2017, 16:11

Um den gedanklichen Ausgangspunkt noch einmal aufzunehmen: Es gibt sicher keine Zweifel darin, daß Sucharew mit allen Nuancen Fliegen kann,
er beherrscht seine Maschine, ist von seinen Fähigkeiten überzeugt. Die Maschine folgt seinen Befehlen.

In der Ergründung meine ich zu erkennen, es gibt zwei sehr deutliche Momente:
1) Wie festgestellt, wird der Bahnneigungsflug vor Einleitung der Linkskurve nicht beendet. Das wird auf eine willentliche Entscheidung Sucharews zurückzuführen sein, da er noch nicht die Vmax für das folgende Manöver erreicht hat. Den weiteren Höhenverlust nimmt er bewußt in Kauf.

2) Das die folgende Linkskurve sehr extrem ausgeführt wird (werden muß) liegt an dem erreichten hohen Geschwindigkeitsüberschuß.
Um die Maschine im Weiteren wieder aus der eingenommenen fast "Messerfluglage" in den Steigflug zu führen, muß wie Thomas erwähnte, die extreme Querlage verringert werden und genau das passiert eben nicht, auch nicht ansatzweise. Genau das ist die Frage!

Sucharew erkennt aber sehr genau die Situation und gibt (weit vor) der Berührung des linken Flächenendes mit der Grasnarbe
rechtes Seitenruder, welches bei dieser Fluglage ansatzweise in die Funktion des Höhenruders tritt.
An-2 ´17 2.png

Die Lage der Flugzeuglängsachse verändert sich auch sichtbar, die Sinkkomponente bleibt aber bestehen. Es ist in dem Moment kein Querruderausschlag feststellbar und das ist mit Sicherheit nicht willentlich , muß also einen Grund haben.

Das macht die Erklärung von Thomas durchaus plausibel, daß das Steuerhorn, egal auf welcher Seite, durch irgendwas blockiert wurde.
Ein loser Fluggast kann es sein, das Vektordiagramm für diese Momente könnte das physikalisch bestätigen.
Sucharew hatte nur noch das Seitenruder frei.
Bestürzend
R.
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Re: AN-2 Absturz bei Flugshow nahe Moskau

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Di 20. Mär 2018, 19:50

Die MAK hat gestern den abschließenden Untersuchungsbericht zu diesem Unfall veröffentlicht.

Die ermittelte direkte Unfallursache ist einigermaßen erstaunlich.
Der nicht angeschnallte Mitflieger hat jedoch keine beitragende Rolle gespielt. Er soll nun doch angeschnallt gewesen sein, aber womöglich habe sich das vielleicht nicht korrekt geschlossene Gurtschloß während des Fluges von selbst geöffnet oder später durch den Aufschlag. Das konnte man also nicht vollständig klären.

Im Bericht wird festgestellt, daß die An-2 im steilen Sinkflug auf 290 km/h (157 kt) beschleunigt worden ist. Im Sinkflug sind maximal 220 km/h (119 kt) zulässig. In 150 m (490 ft) Höhe hat die Sinkgeschwindigkeit einen Wert von 15 m/s (3.000 fpm) erreicht.

Auf dem Cockpit-Video des Mitfliegers ist deutlich erkennbar, daß D. Sucharew das Steuerhorn weit nach rechts gedreht hat, um die große Schräglage auszuleiten. Wie wir selbst weiter oben festgestellt hatten, war jedoch am Flugzeug bis zum Schluß kein korrigierender Querruderausschlag erkennbar.

Auf dem Cockpitvideo ist kurz vor dem Aufschlag zu sehen, daß die Fluggeschwindigkeit immer noch 270 km/h (146 kt) betrug und das linke Steuerhorn von D. Sucharew wie zu erwarten weit nach rechts ausgelenkt worden ist, daß rechte Steuerhorn dabei aber fast in Neutralstellung verblieben ist (was zum äußeren Bild der Ruderstellung paßt). Die Steuerung war somit teilweise blockiert.

Die Untersuchungskommission hat durch Versuche ermittelt, daß bei Geschwindigkeiten oberhalb von 220 km/h die Staudruckwirkung auf die Querruder zunehmend größer wird als die am Steuerhorn maximal aufzubringende Steuerkraft, d.h., es kommt zur elastischen Verformung der Steuerungselemente, aber nicht zu mehr Ruderausschlag.
Ich bin mit der Formulierung dieses Satzes noch nicht zufrieden, aber ich hoffe doch, daß das Problem irgendwie verständlich wird.

Die Hauptursache des Unfalls war somit die überhöhte Geschwindigkeit.
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Thomas
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