Absturz Boeing 737-300 5B-DBY der Helios Airways am 14.08.2005 (IF Flugkapitän abgestürzt)

Der Betrieb Verkehrsflug der INTERFLUG GmbH war die eigentliche Fluggesellschaft der DDR.

Moderator: Kilo Mike Sierra

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Re: IF Flugkapitän abgestürzt

Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Fr 12. Jul 2013, 10:19

Das wiederum ist auch bei einer in solchen Mengen hergestellten Maschine zumindest markant.

P.S. Zumindest wird aber offenbar der TWA-Unfall von New York erneut aufgerollt!
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Re: IF Flugkapitän abgestürzt

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Fr 12. Jul 2013, 14:31

Bei einer erneuten Untersuchung dürften die beiden Piloten endgültig rehabilitiert werden. Das wäre eine gute Nachricht für die Angehörigen von HJM.

Die offizielle Untersuchung war ja zu dem Ergebnis gekommen, sie hätten das System zur Regelung des Kabinendrucks falsch bedient und so den Druckabfall verursacht.
Eine 2012 öffentlich gemachte Expertise von kanadischen Flugunfalluntersuchern ist zu dem Ergebnis gekommen, das das System von den Piloten doch korrekt konfiguriert worden war. Der entscheidende Wahlschalter für die Betriebsart stand in der Stellung AUTO (automatische Kabinendruckregelung) und nicht in MAN (manuelle Regelung) wie von griechischen Untersuchungskommission angenommen. Auch das zugehörige Warnlämpchen für die Betriebsart MAN brannte nicht, während die Kommission davon ausging, es habe geleuchtet und wäre von den Piloten übersehen worden.
Der Computer des Druckreglers hatte sogar eine Fehlermeldung gespeichert, die klar aussagt, daß der AUTO-Modus ausgefallen war. Der griechischen Untersuchungskommission wurde duch den Herstellerbetrieb der Druckregelanlage jedoch mitgeteilt, diese Meldung sei eine Falschmeldung gewesen.

Damit ist die offizielle Version des Unfallhergangs kaum noch zu halten. Diese basiert ja primär auf der Annahme, das System sei auf MAN eingestellt gewesen und die Piloten hätten beim Abarbeiten ihrer Checklisten diesen Umstand insgesamt dreimal übersehen.
Immerhin hat man eingeräumt, daß das Warnsystem in der 737-300, speziell für Probleme mit dem Kabinendruck, eher nicht dazu geeignet ist, die Piloten auf Probleme mit dem Kabinendruck hinzuweisen. Vor dem Helios-Unfall sind schon andere 737-Piloten auf dieses irreführende Warnsystem hereingefallen (Kabinendruck-Vorfälle gab es ja genug), nur ging es immer glimpflich aus.
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Re: IF Flugkapitän abgestürzt

Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Fr 12. Jul 2013, 14:37

... nicht in MAN (manuelle Regelung) wie von griechischen Untersuchungskommission angenommen. Auch das zugehörige Warnlämpchen für die Betriebsart MAN brannte nicht, während die Kommission davon ausging, es habe geleuchtet und wäre von den Piloten übersehen worden..

Wieso "gingen die griechischen Behörden davon aus", das Manuell gewählt war, wenn die Kanadier feststellen, das es auf "Auto" stand. Mysteriös.
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Re: IF Flugkapitän abgestürzt

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Fr 12. Jul 2013, 15:24

Die griechische Kommission urteilte nach der Schalterstellung, wie sie nach dem Unfall vorgefunden wurde. Da stand der Schalter auf MAN, genauer gesagt sogar noch ein gutes Stück rechts davon, obwohl die Schalterstellung MAN auch den rechten Anschlag des Drehschalters darstellt.

Die kanadischen Untersucher haben dagegen das getan, was die Griechen auch hätten tun müssen. Sie haben die sogenannten Aufschlagmarken des Drehknopfes auf der Schalttafel sorgfältig untersucht. Diese lassen erkennen, daß der Schalter im Moment des Aufschlages in der Stellung AUTO stand. Erst danach, als das Flugzeug auseinanderbrach, ist der Schalter durch mechanische Gewalteinwirkung in die vorgefundene Stellung gedrückt worden.

Ich habe mir den Bericht hierzu angesehen und finde, daß die Kanadier den Nachweis für die Schalterstellung AUTO sogar sehr deutlich erbracht haben.
Die letzte, gewaltsame Drehung des Schalters hat deutliche Kratzspuren hinterlassen. Am Drehknopf finden sich auch die Spuren eines seitlichen Einschlages, der diese (Über)Drehung nach rechts über die Stellung MAN hinaus verursacht hat.
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Re: IF Flugkapitän abgestürzt

Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Fr 12. Jul 2013, 15:27

So etwas nennt man hierzulande "schlampige Aufklärung".
Aus welchem Grunde kamen die Kanadier ins Spiel? Eigenes Interesse oder Amtshilfe?
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Re: IF Flugkapitän abgestürzt

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Mo 15. Jul 2013, 15:52

Ich würde nicht so weit gehen, die offizielle Untersuchung als schlampig zu bezeichnen. Dazu ist die Sache einfach viel zu kompliziert.
Es wäre jedoch peinlich für Griechenland, wenn die Untersuchung nicht erneut aufgerollt würde. Immerhin sind mehrere Mitarbeiter der Fluggesellschaft Helios Airways zu zehnjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Wenn sich nun herausstellt, daß ein konstruktiver Mangel des Flugzeuges ursächlich für den Unfall gewesen ist, dann sind all diese Urteile zu Unrecht ergangen.
Gemäß Anhang 13 zum Abkommen über die internationale Zivilluftfahrt (Chicagoer Abkommen) ist eine Untersuchung wieder aufzunehmen, wenn wesentliche neue Erkenntnisse zu einem Flugunfall vorliegen.

Die unabhängige "kanadische" Untersuchung wurde von AJet (Nachfolger von Helios Airways) bei Gates Aviation Consulting in Auftrag gegeben. Diese ersuchten die Experten der kanadischen Firma Accident Investigation & Research Inc. (AIR) um Expertenhilfe. Die Gründer von AIR sind ehemalige Mitarbeiter des Transportation Safety Board of Canada, was seit der Untersuchung des Swissair MD-11 Unfalles einer Empfehlung gleichkommt.

AIR verfügt u.a. über besonderes Know-How bei der Untersuchung von Signallämpchen, um zuverlässig herauszufinden, ob diese beim Aufschlag brannten oder nicht. Genau dieser Frage kommt beim Helios-Unfall eine besondere Bedeutung zu. Die offizielle Untersuchung hatte ja den Piloten unterstellt, sie hätten die Leuchtanzeige für manuellen Betrieb der Druckhalteanlage übersehen oder ignoriert. AIR kam nach Untersuchung der Leuchtfäden der beiden Lämpchen zu dem eindeutigen Schluß, daß das Signal für manuelle Betriebsart nicht geleuchtet hat.
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Re: IF Flugkapitän abgestürzt (HELIOS-Unfall)

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Di 16. Jul 2013, 18:24

Der offizielle Untersuchungsbericht beschreibt das Trümmerfeld am Unfallort sehr detailliert, geht aber auf den eigentlichen Aufschlag des Flugzeuges am Ende des Abschnittes 2.2.7 (vgl. S. 127) nur mit einem Satz ein.
According to the observations reported by the F-16 pilot and the way in which the aircraft impacted the ground, the person at the controls appeared to have made an attempt to level the aircraft to alleviate the impact.

„..., die Person am Steuer scheint einen Versuch gemacht zu haben, das Flugzeug abzufangen, um den Aufschlag zu mildern.“

Was für ein Understatement!

Der unter extremen Streß stehende Steward hatte die 737 mit ausgefallenen Triebwerken in stark ansteigendem Gelände so "glatt" auf dem Bauch gelandet, daß sie nicht sofort auseinandergebrochen ist (vgl. Fotos auf S. 43). Auch das seitliche Gefälle hat er durch eine leichte Schräglage nach links berücksichtigt, denn Rumpf und beide Triebwerke haben fast gleichzeitig aufgesetzt.

Genaue Angaben zu dieser Situation konnte der Flugdatenschreiber nicht liefern, da er nach dem Stehenbleiben beider Triebwerke (infolge Treibstoffmangels) nicht mehr mit Strom versorgt wurde.

Kurz vor Erreichen des Bergkammes wurde der Rumpf durch eine Geländestufe gestaucht und die Leitwerkssektion brach ab. Das um die Welt gegangene Foto von dem Leitwerk mit der Darstellung des Helios haben wir sicher alle noch in Erinnerung. Es war aber vor allem das sich hinter dem Bergkamm auftuende Tal (vgl. Fotos S. 44, 45 und 46), daß dem Flugzeug schließlich das Genick gebrochen und das Schicksal seiner Insassen besiegelt hat.
Spätestens beim Auftreffen auf dem gegenüber liegenden, sehr steil ansteigenden und felsigen Hang (vgl. Foto S. 45) brach das Flugzeug völlig auseinander. Viele große Teile (Flügel, Triebwerke, Cockpit-Sektion) wurden auch über den zweiten Bergkamm in das nächste Tal geschleudert. Insgesamt war das Trümmerfeld ca. 800 m lang.

Wenn man davon ausgeht, daß eine antriebslose 737 im Idealfall mit einer Gleitzahl von 1:15 fliegt (Flugbahnneigung ca. -4°) und daß das Gelände im Winkel von ca. 9° vor dem Flugzeug anstieg (16% Steigung), dann wäre die Maschine ohne Steuereingriff mit einem Flugbahnwinkel von 13° oder mehr aufgetroffen (relativ zur Erdoberfläche). Das ist so steil, daß sie dabei mit Sicherheit sofort auseinandergebrochen wäre.
Der Steward hat es jedoch geschafft, das Flugzeug kurz vor dem Aufschlag hochzuziehen, d.h., er hat den Sinkflug im richtigen Moment abflachen können. Daher ist das Flugzeug nicht sofort auseinandergebrochen, sondern auf Rumpf und Triebwerken ca. 200 m bergauf gerutscht und dabei bis dahin im Wesentlichen unversehrt geblieben.
Es ist gut vorstellbar, daß der Steward das Flugzeug schon früher im Talboden hätte aufsetzen wollen, doch ein Flugzeug ohne ausgefahrene Landeklappen schwebt beim Abfangen wesentlich länger und weiter als bei einer normalen Landung.


Helios-Flugbegleiter Andreas Prodromou besaß eine Berufspilotenlizenz mit Instrumentenflugberechtung (CPL-IFR) und insgesamt ca. 270 Stunden Flugerfahrung. Er verfügte zudem über zehn Stunden Flugerfahrung auf einem 737-Flugsimulator, da er sich in der Ausbildung zum Verkehrspiloten befand (MCL - Multi-Crew Pilot's License).
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Re: IF Flugkapitän abgestürzt (HELIOS-Unfall)

Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Di 16. Jul 2013, 18:35

Das macht allerdings besonders betroffen, da je zumindest theoretisch eine Restchance bestand, das Flugzeug einigermassen zu retten.

Trotzdem gibt es bisher keine Anzeichen dafür, dass das Verfahren noch mal eröffnet wird.
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Re: IF Flugkapitän abgestürzt (HELIOS-Unfall)

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Mi 17. Jul 2013, 09:12

Ich habe diesen Beitrag auch deshalb geschrieben, weil in der Vergangenheit auch von sehr berufener Seite (z.B. Sprecher der Vereinigung Cockpit) immer wieder gesagt worden ist, es sei unmöglich, daß ein Mensch mit einer Pilotenlizenz für kleine Maschinen eine Boeing 737 sicher landen könne.
Es wurde auch nicht immer gut recherchiert. So wurde Andreas Prodromou oftmals nur eine Privatpilotenlizenz (PPL) zugestanden.

Andreas Prodromou konnte das Drama nicht verhindern - nicht weil er hierzu unfähig gewesen ist, sondern weil das Gelände ihm keine faire Chance geboten hat.

Wir alle hätte ihn wohl gern als Helden von Grammatiko gefeiert.
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Re: IF Flugkapitän abgestürzt (HELIOS-Unfall)

Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Mi 17. Jul 2013, 09:17

Er wird die rettende Landung auch sicher vor Augen gehabt haben.

Mich wundern aber auch solche Aussagen, wie: "PPL-Piloten könnten grundsätzlich keine großen Flugzeuge fliegen".
Sicher nicht in der Endkonsequenz, aber zumindest so, das ein Großteil der Insassen gerettet werden könnten. Erstaunlich ist auch, das er wohl offenabr der einzige Insasse war, der bei Bewusstsein war.
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