Passagierkontrollen an DDR-Flughäfen.

Der Betrieb Verkehrsflug der INTERFLUG GmbH war die eigentliche Fluggesellschaft der DDR.

Moderator: Kilo Mike Sierra

heiko76
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Passagierkontrollen an DDR-Flughäfen.

Ungelesener Beitragvon heiko76 » Do 4. Apr 2013, 21:43

Da ich leider nie in den Genuss gekommen bin Passagier an Bord der Interflug sein zu dürfen aber es mich von berufs wegen sehr interessiert würde ich gerne einmal folgende Fragen in den Raum stellen:


Wie liefen die Passagierkontrollen an den Flughäfen der DDR ab?
Waren diese genauso streng wie heute oder gar noch intensiver?
Welche Handgepäck/Übergepäck Regelungen gab es?
Welche Zeitfenster gab es für die Paxe ? (heute ist ja meistens Check-In 2h vor Abflug und Boarding 45-30 vor Abflug)
Gab es auch an einen PRM-Service?
Wie wurde mit Transitpassagieren (TWOV-Procedure) verfahren bzw. gab es überhaupt eine solche Verfahrensweise für Passagiere die im Transit waren ?
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Kilo Mike Sierra
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Re: Passagierkontrollen an DDR-Flughäfen.

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Fr 5. Apr 2013, 13:35

TWOV und PRM habe ich noch nie gehört, aber nach einigem Suchen habe ich die Bedeutung doch gefunden.

Transit without visa (TWOV) sogar ohne Pass gab es, was aber nicht bilateral vereinbart war und zu diplomatischen Verwicklungen führte, denn damit wurde der Flughafen Berlin-Schönefeld zum riesigen Einfallstor für Asylsuchende nach Berlin (West), Größenordnung +50.000 pro Jahr. Dies war von der DDR-Seite so beabsichtigt, "um unserem Gegner zu schaden." So erklärte es mir einer der Passkontrolleure, den ich ungläubig gefragt hatte, wen sie hier denn so alles reinlassen und warum. Ich hatte mich über die vielen Tamilen gewundert und ihn auch nach dem Zweck verschiedener Fluglinien (z.B. Berlin-Karatschi) gefragt.
So um 1985 mußte diese Praxis aber aufgegeben werden, da der politische und ökonomische Druck auf die DDR zu groß wurde.

Die Kontrolle von Pässen und Visa wurde in der DDR (nicht nur auf den Flüghäfen) von MfS-Mitarbeitern vorgenommen. Es gab also keine Einwanderungsbehörde oder Grenzpolizei, sondern es waren spezielle Passkontrolleinheiten (PKE) der Stasi, die entschieden, wer rein- oder rausgelassen wird.
(In den USA ist man leider inzwischen auch fast an diesem Punkt angelangt, weil man dort die Hoheit über die Einreisekontrollen dem Justizministerium entzogen und diesem hoch ominösen Heimatschutzministerium übertragen hat).

Zu dem Service für Passengers with reduced mobility (PRM) kann ich nicht viel sagen.
Es gab natürlich Rollstühle und hilfreiche Begleiter aus der Passagierabfertigung. Bis zum Flugzeug ging auch alles gut, aber die Gangway stellte ein großes Hindernis dar. Hier halfen die Kollegen vom Ladedienst und trugen die Fluggäste die Gangway hoch bis zu ihrem Sitz.
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Re: Passagierkontrollen an DDR-Flughäfen.

Ungelesener Beitragvon Silbertablett » Mo 29. Apr 2013, 14:39

In diesem Zusammenhang ist mir etwas erinnerlich, was in der Tat rund um die Tamilenfluchtwelle nach Skandinavien passierte.
Wir stellten, als das los ging, fest, dass bei der Landung in Stockholm und nach dem Ausstieg der sehr indisch ausschauenden Fluggäste die Toilettenspülungen der TU-134 versagten. Da wir nicht mit verstopften Toiletten nach SXF zurück fliegen konnten, musste das geklärt werden und siehe da, es waren x Pässe ins Klo geflogen! Pässe, die in den Sitztaschen gefunden wurden, konnten wir dem Bodenpersonal übergeben und die betroffenen Fluggäste hatten somit wieder ihr Personaldokument "auf dem Hals."

Unser Repräsentant in ARN erklärte uns später, als sich die Vorfälle häuften und die internationale Aufmerksamkeit rund um das Tamilenproblem wuchs, dass die schwedischen Einwanderungsgesetze jedem, der um Asyl ersuche, ein voräufiges Aufenthaltsrecht ermöglichte, unabhängig davon, ob er zum Zeitpunkt der Einreise seine Herkunft belegen könne oder nicht.
Solange das gut ging, konnten die Flüchtlinge ihre Pässe an Bord auf die beschriebene Weise "entsorgen" und erstmal einreisen, bis ihre Identität geklärt war. Bis dahin war die IF längst "vom Hof."

Kritisch wurde das alles, als eine international übliche Regel angewendet wurde, nämlich, dass diejenige Fluggesellschaft, die "ungebetene" Gäste in ein Land transportiert hatte, sich ihrer wieder annehmen musste, wenn die jeweilige Einreise entweder mangels Dokumente nicht möglich war oder die Einreisenden - aus welchen Gründen auch immer - abgewiesen wurden.
Man male sich aus, was das für IF bedeutet hätte: In Stockholm reihenweise Gestrandete versorgen, verpflegen etc. und letztlich wieder nach SXF zurück zu fliegen...
Ich habe nie schlüssig erklärt bekommen, wie das nun eigentlich faktisch richtig und juristisch wasserdicht war - wer wem welche Vorschriften machen konnte und wer wem welche Auflagen erteilte. Die Fluggäste jedenfalls waren immer sehr erfinderisch beim Ausklügeln von "Rettungmaßnahmen" in eigener Sache...
ARN mit erheblicher Verspätung - das dürfte nicht nur ich erlebt haben, eben weil wir dort immer wieder in den Toiletten "fischen gehen" mussten.
Bis irgendwer - von oben vermutlich - dem unappetitlichen Spiel ein Ende setzte.
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Re: Passagierkontrollen an DDR-Flughäfen.

Ungelesener Beitragvon heiko76 » Di 18. Aug 2015, 00:57

Silbertablett hat geschrieben:In diesem Zusammenhang ist mir etwas erinnerlich, was in der Tat rund um die Tamilenfluchtwelle nach Skandinavien passierte.
Wir stellten, als das los ging, fest, dass bei der Landung in Stockholm und nach dem Ausstieg der sehr indisch ausschauenden Fluggäste die Toilettenspülungen der TU-134 versagten. Da wir nicht mit verstopften Toiletten nach SXF zurück fliegen konnten, musste das geklärt werden und siehe da, es waren x Pässe ins Klo geflogen! Pässe, die in den Sitztaschen gefunden wurden, konnten wir dem Bodenpersonal übergeben und die betroffenen Fluggäste hatten somit wieder ihr Personaldokument "auf dem Hals."


Ich glaube ich muss langsam mal etwas aus meinem Alltag hier niederschreiben.
Ein ähnliches Problem hatte ich die letzten Tage auch mit einer 70jährigen Pakistani.
Mein Job in DUS TWOV-Betreuer - einer Procedure die es nur DUS und wohl auch in TXL gibt ... ein Job in dem freud und Leid so dicht beieiander liegen.
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Re: Passagierkontrollen an DDR-Flughäfen.

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Di 18. Aug 2015, 01:02

...und TWOV steht wofür?
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Re: Passagierkontrollen an DDR-Flughäfen.

Ungelesener Beitragvon heiko76 » Di 18. Aug 2015, 01:36

... Transit without Visa .... die Frage hattest du Dir weiter oben schon mal selbst beantwortet. Anderes gesagt mein Job ist bedingt durch die baulichen Gegebenheiten in DUS ... ein richtiger Flughafen hat ein Transit-Terminal.
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Re: Passagierkontrollen an DDR-Flughäfen.

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Di 18. Aug 2015, 02:57

heiko76 hat geschrieben:...die Frage hattest du Dir weiter oben schon mal selbst beantwortet.
...

...und prompt wieder vergessen. ;-)
Danke, heiko76.
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Re: Passagierkontrollen an DDR-Flughäfen.

Ungelesener Beitragvon Silbertablett » Di 18. Aug 2015, 08:53

Zitat: "Ich hatte mich über die vielen Tamilen gewundert und ihn auch nach dem Zweck verschiedener Fluglinien (z.B. Berlin-Karatschi) gefragt.

Die Zwischenlandung in KHI (auf der Strecke nach Hanoi) erfolgte zum Tanken. IF hatte keine Verkehrsrechte von und nach KHI. Es durfte also niemand ein- oder aussteigen. Im Zusammenhang mit den damaligen Tamilen-Bewegungen kann man diese Landung folglich nicht sehen. Ich kann mich jedoch in keiner Weise erinnern, wie diese Menschen nach SXF kamen ... um dann z.B. nach ARN weiter zu fliegen.
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Re: Passagierkontrollen an DDR-Flughäfen.

Ungelesener Beitragvon Silbertablett » Di 18. Aug 2015, 09:08

Zitat: Welche Handgepäck/Übergepäck Regelungen gab es?

Die IATA-Standards galten unisono. Wurden aber sehr großzügig gehandhabt. Übergepäck-Regelungen gab es freilich und die wurden auch angewendet. Meines Wissens aber nur für Gepäck, das dann auch im Frachtraum verladen wurde.

Als Handgepäck galt zumeist das, was nicht verschließbar war und mitreisen sollte. Halbwegs Disziplin wahrten beide Seiten (Kontrolle & Fluggast) bei Mittel- und Kurzstrecken. Nicht zuletzt wegen der akuten Verstaubeschränkungen an Bord. Es gab noch keine Overhead-Bins mit verriegelbarer Klappe. Beutel, Rucksäcke, Tüten bestimmten das Bild in der Kabine bei Langstrecken. Mir war manches Mal nicht wohl, wenn ich die schleppende Masse über die Platte kommen sah. Nicht böse sein wegen dieser etwas herablassenden Formulierung... mithin war das Wenigste von all dem über die Waage gegangen...
Auf der HAN-Strecke lernte ich die gestreiften Riesentaschen kennen, die man heute auf jedem Asia-Markt bei den Händlern sehen (und erstehen) kann. Rappelvoll, die Dinger.
Nach Bagdad flogen DDR-Monteure mit stiegenweise (im Transit-Shop gekauftem) Dosenbier, das sie neben dem normalen Handgepäck beim Einstieg schulterten.
Nach Istanbul hatte jedes Kind einen Rucksack extra, wobei die als Babies registrierten Kinderlein manchmal schon laufen konnten. Sigrid, Du müsstest doch auch noch wissen, wie wir des Nächtens (IST oft Start 00.10 Uhr) die IL-62 sowas von voll stopften, und zuweilen das Gefühl nicht unterdrücken konnten, einer Völkerwanderung zuzuschauen. Mit Kisten und Kasten...
Nach Havanna hatte mindestens die Hälfte der kubanischen Fluggäste ein Radio bei sich. Die Dinger waren bekanntlich in den Siebzigern echte "Koffer"-Radios. Also nix mit Hosentaschenformat... Das Verstauen des Handgepäcks verzögerte manchen Planstart .... und ich höre noch den Ruf von vorne: "Mädels, wie weit seid Ihr, wir haben Startfreigabe!"
Notlösung: Alles, was nicht in der Hutablage versteckt oder unter dem Sitz verschwinden konnte, wurde in die Toiletten verfrachtet. Wenigstens zu Start und Landung. Wenn die hintere Garderobe der IL 62 nicht mit Cateringzubehör voll war, haben wir dort zusätzliche Verstaureserven erschlossen. Wenn man dann hinten die Service-Vorbereitungen traf, begann das große Räumen. Meine Bandscheiben lassen grüßen.

Und was bis heute gelten dürfte: Jeder (!) Fluggast war + ist der Meinung, dass sein Kram mit muss ... egal wie!
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Re: Passagierkontrollen an DDR-Flughäfen.

Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Di 18. Aug 2015, 09:36

Die Dinger waren bekanntlich in den Siebzigern echte "Koffer"-Radios. Also nix mit Hosentaschenformat.

Sollen Radios einen ordentlichen Klang haben, sind sie heute noch so groß. :-)
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