Schreiben der Treuhandanstalt bei Interflug.biz

Der Betrieb Verkehrsflug der INTERFLUG GmbH war die eigentliche Fluggesellschaft der DDR.

Moderator: Kilo Mike Sierra

Kilo Mike Sierra
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Schreiben der Treuhandanstalt bei Interflug.biz

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Di 5. Jan 2021, 13:09

Bei Interflug.biz wurde am 18. Oktober 2020 ein Brief der Präsidentin der Treuhandanstalt Birgit Breuel an die Betriebsleitung der INTERFLUG vom 16. Mai 1991 veröffentlicht.

Bei Interflug.biz ist man sich selbst nicht sicher, was von diesem "aufgetauchten" Schreiben zu halten ist, d.h. ob es echt oder falsch ist.

Ich schlage vor, wir versuchen einmal, die Sache möglichst objektiv zu betrachten. Vielleicht können wir genügend Argumente zusammentragen, die eine eindeutige Bewertung der Authentizität des Schreibens zulassen.

Sollte es echt sein, wirft es sehr große Fragen für die damalige Zeit auf. (Heute ist derartiges Agieren leider völlig normal.)
Sollte es falsch sein, stellt sich die Frage nach Sinn und Zweck einer solchen Vernebelung der jüngeren Geschichte.
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Re: Schreiben der Treuhandanstalt bei Interflug.biz

Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Di 5. Jan 2021, 13:30

Also, ich glaube nicht an die Echtheit des Dokuments. Das genaue Eingehen auf die Punkte Liquidation oder Abgabe der A310 an das Amt für Wehrtechnik in genauer Bezeichnung wäre meiner Meinung nach so nicht verfasst worden. Man hätte das etwas nebulöser formuliert mit Wirtschaftsflauseln. Hier scheint mir eher, daß ein ehemaliger Mitarbeiter von Interflug versucht hat, Stimmung zu machen
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Re: Schreiben der Treuhandanstalt bei Interflug.biz

Ungelesener Beitragvon historienquax » Di 5. Jan 2021, 15:45

Also so einen Satz wie der im Zusammenhang mit der Lufthansa formulierte kann nicht von der Treuhand stammen. Ich persönlich bezweifel die Echtheit von diesem Schreiben.
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Kilo Mike Sierra
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Re: Schreiben der Treuhandanstalt bei Interflug.biz

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » So 17. Jan 2021, 15:26

Achtung! Langer Beitrag

Ich habe mich inzwischen ausgiebig mit diesem Schriftstück angelegt.
Bei diesem Brief finde ich sowohl die Form als auch den Inhalt seltsam.


Form

Da ich die 1991 gültige Fassung der DIN 5008 von 1986, der Bibel aller Sekretärinnen, nicht vorliegen habe, beschränke ich mich auf das Feststellen von Merkmalen ohne Bewertung.

Das Blatt ist einmal in der Mitte gefaltet, was den Versand in einem A5-Umschlag erfordern würde.

Lochungen des Originals oder seiner Kopien sind nicht zu erkennen.

Diktatzeichen fehlen.

Formularmarken (Faltmarken, Lochmarken u.ä.) sind nicht zu erkennen.

Das graphische Logo der Treuhandanstalt (THA) fehlt.

Der Name der Behörde im Briefkopf ist in Großbuchstaben ausgeführt. (Offiziell wurde nur der erste Buchstabe groß geschrieben.)

Das Schreiben ist handschriftlich unterzeichnet. Der Name Breuel als gedruckter Zusatz fehlt. Die Funktionsbezeichnung von Frau Breuel oder die Bürobezeichnung (z.B. Vorstand, Direktorat Abwicklung o.ä.) fehlt ebenfalls.

Absätze sind durch Einrückungen gekennzeichnet (nicht durch eine Leerzeile).

Der Eingangsstempel des IF-Liquidators ist vorhanden. (Dieser dürfte damals nur schwer auf einem Original zu fälschen gewesen sein - auf einer Kopie leichter.)


Inhalt

Allgemeines

Das Schreiben ist an keinen namentlichen Empfänger gerichtet.

Zwischen Datum des Briefes 16. Mai 1991 (Donnerstag) und dem Eingangsvermerk 30. Mai 1991 (Donnerstag) liegen zwei Wochen.

Als Empfängeradresse ist Alexanderplatz 5 angegeben. Das ist das Haus des Reisens.

Als Absenderadresse ist Alexanderplatz 6 angegeben. Das ist das Haus der Elektroindustrie.
Die THA ist im März 1991 in das Haus der Ministerien (ehemals Reichsluftfahrtministerium) Wilhelmstraße 97 umgezogen. Der Brief trägt ein Datum vom Mai.


Text

Die Grußformel ist unpersönlich. Nach all den monatelangen Verhandlungen wäre zu erwarten, daß man sein Gegenüber namentlich kennt.

Die Ermordung des ersten Präsidenten der THA, Detlev Rohwedder, als "plötzliches Ausscheiden unserer Führungsspitze" zu umschreiben, klingt respekt- und pietätlos.

Die Formulierung "doch beträchtlicher Umdenkprozeß" schwächt die gemachte Aussage sofort wieder ab. Der Autor scheint sich auf die Beträchtlichkeit des Umdenkprozesses nicht festlegen zu wollen.

Die Formulierungen "der von uns verhinderte Kauf" und "Fehlentscheidung" klingen wie Schuldzuweisungen an die eigene Behörde.

Die Formulierung "zutiefst inkompetente Entscheidung" ist eine besonders harte und bereits ehrverletzende Schuldzuweisung an die eigene Behörde - die dritte innerhalb von zwei Sätzen. Das ist nicht die Sprache, die von einer hochgestellten Behördenleiterin zu erwarten ist. "Wir erachten eine Korrektur unserer Entscheidung als notwendig" wäre ein Beispiel für die zu erwartende Sprache.

Überhaupt klingt die Einleitung so, als ob die THA ihre Entscheidungen nur deshalb überdacht hat und zu anderen Entscheidungen gekommen ist, weil ihr Präsident ermordet wurde. Selbst wenn das der auslösende Grund gewesen wäre, würde das keiner als offizielle Begründung in einen Behördenbrief schreiben. Schon gar nicht damit die Täter triumphieren.

Der Satz "Selbstverständlich sind wir willens, alles in unserer Macht stehende zu tun, um diese Fehlentscheidung aufzuheben" klingt nicht sehr vertrauenserweckend. Wer, wenn nicht die THA und ihre Präsidentin, könnte die von der THA getroffene Entscheidung rückgängig machen?
Erwartete Sprache: "Wir werden unsere Entscheidung korrigieren."
Solange dieser Punkt nicht vollständig geklärt ist, würde auch kein Behördenleiter so eine halbfertige Entscheidung vorab und dazu noch schriftlich verkünden.

Der nächste Satz hat es in sich. "Diverse von uns in Auftrag gegebene Gutachten namhafter Wirtschaftsinstitute belegen eindrucksvoll, daß Ihr Betrieb ... ausgesprochen rentabel wirtschaften kann." Das klingt wie im Märchen. Es gibt also gleich mehrere Gutachten und dann auch noch von namhaften Instituten, die die IF als rentabel ansehen, sogar ausgesprochen rentabel.
Da all diese Gutachten von der THA selbst in Auftrag gegeben worden sind, müssen sie allesamt und von Anfang an der THA vorgelegen haben. Wie konnte es da überhaupt zu dieser angeblich so krassen Fehlentscheidung kommen? Warum ist von all dem nie etwas durchgesickert?
Wenn es zu schön klingt, um wahr zu sein, dann ist es wahrscheinlich nicht wahr.

Die Formulierung "belegen eindrucksvoll" erinnert mich irgendwie an die Nachrichtensprache der Aktuellen Kamera.

"Endlich entsteht ein marktwirtschaftliches Korrektiv zum staatlichen Monopolbetrieb Lufthansa". Das klingt so, als ob Frau Breuel sich wünscht, daß das Monopol der Lufthansa gebrochen wird - ausgerechnet durch die INTERFLUG. Selbst wenn es so wäre, hätte sie diesen persönlichen Wunsch sicher nicht "amtlich" und mit dieser polit-ökonomischen Formulierung geäußert. Zumal es 1991 schon längst jede Menge marktwirtschaftliche Korrektive der gewünschten Art gegeben hat: Aero Lloyd, Air Berlin, Augsburg Airways, Delta Air, DLT, Germania, LTU, Nürnberger Flugdienst usw.

Ganz besonders der nächste Absatz, in dem es um die drei Airbus 310 Flugzeuge geht, wirft Fragen auf.
Die THA will die Luftwaffe dazu überreden, der IF drei weitere A310 unentgeltlich zu überlassen. Hier gibt es zwei riesige Probleme.
Erstens: Warum sollte die Luftwaffe der marktwirtschaftlich arbeitenden INTERFLUG drei vom Steuerzahler finanzierte Airbusse zur unentgeltlichen(!) Nutzung überlassen? Dieses Unding würde nicht nur den Bund der Steuerzahler auf den Plan rufen.
Zweitens: Die Luftwaffe verfügte im Mai 1991 nur über die drei gerade von der IF übernommenen A310. Wie hätte sie da nach deren Rückgabe noch drei weitere A310 drauflegen können?

Das "Amt für Wehrtechnik" heißt korrekt "Bundesamt für Wehrtechnik". Geschenkt.


Ihr seht es. Ich tendiere sehr stark zu "nicht authentisch".
Bewiesen ist damit jedoch nichts.
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Thomas

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