Für die Tu-154 gelten andere physikalische Regeln

Moderator: Kilo Mike Sierra

Kilo Mike Sierra
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Re: Für die Tu-154 gelten andere physikalische Regeln

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Di 2. Apr 2013, 19:21

Der Hergang dieses Unfalles ist ungewöhnlich umstritten. Der Abschlußbericht des Zwischenstaatlichen Luftfahrtkomitees (MAK) wird von der polnischen Seite in vielen Punkten angezweifelt und es wurde daher ein offizieller polnischer "Gegenbericht" erstellt. Da das noch nicht reicht, wurde 2012 von einer parlamentarischen Gruppe (ECR) vor dem Europäischen Parlament in Brüssel eine öffentliche Anhörung durchgeführt, bei der weitere Gutachten vorgelegt wurden, die wieder zu ganz anderen Schlüssen kommen.

Das Dilemma ist somit ein großes.

Es beginnt schon damit, daß das MAK keine Organistation oder Behörde ist, die wirklich unabhängige Unfalluntersuchungen ausführen kann. Das MAK ist ja die eigentliche Aufsichtsbehörde, die bei Flugunfällen am Ende ihre eigene Beteiligung, Mängel, Fehler oder gar Versagen untersuchen und anprangern müsste. Fast schon erwartungsgemäß findet das MAK im vorliegenden Fall keine Versäumnisse auf russischer Seite, obwohl einem diese förmlich ins Auge springen (Zustand der Anlagen in Smolensk, Leistung der Fluglotsen).

Der polnische Untersuchungsbericht findet dagegen gravierende Mängel auf beiden Seiten, was ihn mir irgendwie vertrauenswürdiger erscheinen läßt.

Die "Parlamentarierkommission" legt nahe, daß es sich wohl doch etwas anders zugetragen haben muß. Sie legt immerhin keine wilden Theorien und Spekulationen vor, sondern durchaus wissenschaftliche Analysen und Detail-Simulationen, die man natürlich nicht mit einem Handstreich vom Tisch wischen kann, auch wenn man die möglichen politischen Interessen dahinter erahnt.
Die vorgelegten Analysen sollen beweisen, daß das Flugzeug etwas höher unterwegs gewesen ist, deshalb die tragflügelabreissende Birke nicht gestreift haben kann und der linke Außenflügel somit aus einem anderen Grund abgerissen sein muss. Diesen anderen Grund lassen sie offen.
Sie haben auch die Analyse eines Wissenschaftlers vorgelegt, der mittels einer Simulation nachzuweisen versucht, daß der Tragflügel bei einer Kollision mit besagter Birke gar nicht abgerissen wäre. Er kommt zu dem Ergebnis, daß die 30 cm dicke Birke nicht wie vom MAK dargelegt abgeknickt, sondern komplett durchtrennt worden wäre, während der Tragflügel nur bis zum vorderen Hauptholm eingerissen wäre.
Man zweifelt auch an, daß der abgerissene Außenflügel aus nur 6 m Flughöhe noch 111 m weiter geflogen sein kann, so wie das im MAK-Bericht geschrieben steht. (Auf freiem Feld vielleicht, aber zwischen all den Bäumen...?)

Wer wird Licht in dieses Dunkel bringen und den objektiv richtigen Hergang dieser Tragödie aufklären können?

Es wäre wirklich gut, wenn große Flugunfälle von einer unabhängigen internationalen Untersuchungskomission untersucht würden.
Diese Idee ist nicht neu, aber bis heute eine Utopie geblieben.
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Re: Für die Tu-154 gelten andere physikalische Regeln

Ungelesener Beitragvon Flieger Bernd » Di 2. Apr 2013, 19:24

Diese ganze "hilfreiche" Technik scheint doch nicht so hilfreich zu sein.
Das ist wohl ein Versuch, den Menschen zu ersetzen.
Entscheidungen werden vorgegeben, der Pilot soll nur noch "ausführen" ... ?

Verdammt, wann lernen wir wieder fliegen ?
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Re: Für die Tu-154 gelten andere physikalische Regeln

Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Di 2. Apr 2013, 19:33

Wer wird Licht in dieses Dunkel bringen und den objektiv richtigen Hergang dieser Tragödie aufklären können?


Ich denke, hier koennte man nur aufklären, wenn beide Seiten, also Russland und Polen, jeweils eine unabhänige Auslandsbehörde im Auftrag der jeweiligen Länder arbeiten liesse, biespielsweise die NTSB und die BFU. Aufgrund der jeweiligen Ressentiments gegeneinander dient alles sonst nur der Legenenbildung.
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Re: Für die Tu-154 gelten andere physikalische Regeln

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Di 19. Nov 2013, 16:34

Am 21. und 22. Oktober 2013 fand in Warschau die zweite sogenannte Smolensk-Konferenz statt. Es gab neue Erkenntnisse zu diesem Fall, die aufhorchen lassen.

Drei Wissenschaftler aus den USA, Experten für die Auswertung von Satelliten- und Luftaufnahmen (speziell auch für die Forstwirtschaft), belegten anhand von Satellitenfotos, daß der Stamm der besagten Birke mindestens fünf Tage vor dem Absturz bereits gebrochen und die Baumkrone umgelegt war.
Die russische Untersuchungskommission hatte damals dargelegt, daß die Tu-154M aufgrund ihrer zu geringen Flughöhe mit dieser Birke kollidiert war, wobei ein großer Teil des Tragflügels abgerissen war und sich daraufhin das Flugzeug auf den Rücken drehte und aufschlug.

Auf der ersten Smolensk-Konferenz war diese Birke bereits heiß diskutiert worden, da aus anderen Expertenkreisen sehr stark angezweifelt wurde, daß der Stamm der Birke den Tragflügel überhaupt hätte abreißen können, zumal der Birkenstamm ja selbst weggebrochen war. Um diesen Nachweis zu führen, wurde ein Simulationsmodell der Flügelstruktur und Materialeigenschaften der Tu-154M erstellt sowie ein ebensolches Strukturmodell des Birkenstammes und in zahlreichen Simulationen zur Kollision gebracht. In der Simulation "scheiterte" der Birkenstamm in allen Fällen bereits am vorderen Flügelholm. Wie gut das Simulationsmodell validiert war, weiß ich leider nicht.

Inzwischen hat die traurig berühmt gewordene Smolensker Birke in Polen sogar einen eigenen Wikipedia-Artikel bekommen.
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Re: Für die Tu-154 gelten andere physikalische Regeln

Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Di 19. Nov 2013, 18:55

Ich dachte eigentlich, das bei der Brisanz des Absturzes bereits Russen und/oder Polen bereits Material wie Satellitenfotos ausgewertet haben. Aber, offensichtlich ist das nicht der Fall. Es dürften sich nun auch die Absturztheorien egalisiert habe. Ich bin darauf gespannt, wie man nun fortfahren wird.
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Re: Für die Tu-154 gelten andere physikalische Regeln

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Di 19. Nov 2013, 23:03

Doch. Satellitenfotos waren schon sehr zeitig Thema für russisch-polnische Auseinandersetzungen. So steht unter anderem der mit solchen Fotos belegte Vorwurf im Raum, daß die Lage der Wrackteile innerhalb der ersten Stunden nach dem Absturz erheblich verändert wurde, was mit Bergungsarbeiten allein nicht unbedingt zu erklären ist.

Auf der oben genannten Konferenz wurden auch schwere Vorwürfe hinsichtlich der in Russland ausgeführten Identifizierung der Opfer sowie der Autopsien geäußert. Nach einigen Exhuminierungen in Polen ist man zu dem Schluß gelangt, daß trotz Bereitstellung von DNA-Proben gröbste Fehler bei der Identifizierung gemacht wurden. Daher sind mehrere der Opfer unter falschem Namen und somit auf der falschen Trauerfeier von völlig fremden "Angehörigen" betrauert und bestattet worden.
In einigen Fällen soll entgegen amtlicher russischer Versicherung gar keine Autopsien durchgeführt worden sein, zumal für alle Opfer auf dem Totenschein eine identische und merkwürdig unkonkrete Todesursache angegeben wurde.

Die polnischen Medien sind sehr gespalten, was die Berichte über all diese Fehler und Ungereimtheiten betrifft. Man hadert mit den neuen Informationen und spricht sogar von einem Maulkorberlaß, um die Beziehungen zu Russland nicht zu belasten.
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Re: Für die Tu-154 gelten andere physikalische Regeln

Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Mi 20. Nov 2013, 07:32

Das ist feinster Grundlagenstoff für eine Verschwörungstheorie. Nur frage ich mich, was alle Aktionen rund um den Absturz/Bruchlandung für einen tieferen Sinn haben sollen?
Für einen Anschlag sollten die Polen zu unwichtig sein, meine ich. Eventuell will man die Unzulänglichkeiten der russischen Flugsicherung verbergen. Andererseits sind die Russen doch auch nicht blöd und wissen schon um die Brisanz des Unfalls.
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Re: Für die Tu-154 gelten andere physikalische Regeln

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Mi 20. Nov 2013, 17:15

Die Sache mit der nachlässigen oder respektlosen Behandlung der Toten ist eine Sache, die die Angehörigen aber auch die polnische Volksseele verletzt - und das völlig zu Recht. Da ist jedoch kein Zusammenhang mit irgendwelchen Anschlagstheorien herzustellen.

Die russische "Birkentheorie" könnte sich natürlich als falsch herausstellen, was die Qualität der gesamten Untersuchung immer mehr in Zweifel ziehen würde. Aus einer fehlerhaften Untersuchung kann man aber noch nicht auf einen Anschlag schließen. Solange man glaubt, noch keine abschließende Klarheit über den Hergang zu haben, muß man jedoch weiterhin in alle Richtungen ermitteln. Daher ist es eigentlich nicht so abwegig, einen möglichen Anschlag im Auge zu behalten. Manche politische Kreise in Polen springen natürlich auf diese Möglichkeit und sind für einen Unfall gar nicht mehr offen. Das sind aber halt keine Fachkreise, die das wohl von Natur aus etwas nüchterner sehen.

Die Frage, wem ein solcher Anschlag von Nutzen sein könnte, läßt sich immerhin hypothetisch beantworten. Die Putin-Regierung hätte von einem Anschlag sehr wahrscheinlich nicht profitiert. Er wäre aber ein geeignetes Mittel gewesen, um die Regierung international zu diskreditieren und Russland politisch zu destabilisieren. Wer in Russland oder Polen daran Interesse haben könnte, kann ich natürlich nicht einschätzen.

Ich finde es sehr positiv, daß man in Polen versucht, den Hergang durch wissenschaftliche Untersuchungen auf akademischen Niveau weiter aufzuklären, anstatt die Sache einer vor allem erfolgsorientierten Journaille zu überlassen. Daß diese unweigerlich zum Ergebnis der größten anzunehmenden Supersensation kommen würde, kann man sich ja denken.


Ich finde, daß das Wort Verschwörungstheorie heute in unbeschreiblichem Ausmaße mißbraucht wird - fast immer im Sinne von absurdem Hirngespinst oder total idiotischer Meinung.
Durch die gezielte Streuung dieser Vokabel in den Medien werden öffentliche Diskussionen inzwischen sehr erfolgreich manipuliert. Das Volk merkt es schon gar nicht mehr und singt dieses Lied bereitwillig im Chor mit.
Verschwörungen sind leider sehr real. Siehe 1. und 2. Weltkrieg, Vietnam-Krieg, Korea-Krieg, Militärputsche, Attentate, Kuba-Krise, Panama-Krise, Grenada-Einmarsch, Falkland-Inseln-Einmarsch, Irak-Einmarsch, Afghanistan-Einmarsch, ... Es ist daher mehr als legitim, Theorien aller Art darüber aufzustellen. Diese sollten natürlich möglichst sachlich und intelligent entwickelt werden.

Ich erinnere mich noch ganz genau, wie damals die Leute von allen Seiten beschimpft und verspottet worden sind, die 1980 den Absturz der Itavia DC-9 I-TIGI aufgrund einiger Indizien für einen Abschuß gehalten haben. Ein paar Jahrzehnte später steht fest, daß sie recht hatten.
Bei der TWA 747, die 1996 vor Long Island ins Meer gestürzt ist, sieht es inzwischen auch so aus, als wäre die "offizielle Theorie" von NTSB, FBI und CIA (Kurzschluß im Rumpftank mit Explosion) nicht mehr länger haltbar.
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Re: Für die Tu-154 gelten andere physikalische Regeln

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Mi 20. Nov 2013, 23:11

Hier ist eine Animation der simulierten Widerlegung der russischen "Birkentheorie".




Mehr Informationen zur Simulation findet sich in in dieser Präsentation.

Diese Untersuchung betrachtete auch die mögliche Flugbahn des abgetrennten Flügelsegments. Man kam zu dem Ergebnis, daß das Flügelstück aus der geringen Flüghöhe von 6,5 m nicht 111 m weit geflogen sein kann, sondern nur 12 m weit. Eine weitere Reihe von Simulationen kam zu dem Ergebnis, daß der Flügel, um an seiner offiziellen Auffindposition zu landen, aus 26 m Höhe über Grund und aus einer Position 69 m hinter (nach) der Birke gefallen sein muß. Diese Position des hypothetischen Flügelverlustes liegt über der Straße, die am Flughafen quer zur Anflugrichtung vorbeiführt.
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Re: Für die Tu-154 gelten andere physikalische Regeln

Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Do 21. Nov 2013, 12:27

Ja, Du hast recht. Eine erfolgreiche Möglichkeit, eine Verschwörungstheorie in Frage zu stellen, ist die Aufstellung einer anderen Verschwörungstheorie.
Ausserdem hat mal ein berühmter DDR-Pathologe (Ich glaube Herr Prokop) gesagt, wenn auf jedem Grab eines Menschen, der durch einen unaufgeklärten oder übersehenen Mord ums Leben kam eines Toten eine Kerze leuchten würde, wären unsere Friedhöfe hell erleuchtet.

Ich denke, man wird den Fall noch mal komplett untersuchen muessen.
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