Flugshow-Unfall in Eisenach-Kindel

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Kilo Mike Sierra
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Re: Flugshow-Unfall in Eisenach-Kindel

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Di 10. Mai 2022, 12:43

Hier der für alle 13 Insassen glimpflich verlaufener Unfall der C-47 (DC-3) "Bluebonnet Belle" am 21. Juli 2018 auf dem Flughafen Burnet (Texas).



Die Ursachen dieses Unfalls sind fast identischen mit denen, die zu dem Unfall mit der Z-37A D-ESVU auf dem Flugplatz Eisenach-Kindel im April 2008 beigetragen haben.

- unerfahrener Co-Pilot, der gerade erst die Prüfung für seine DC-3 Typenlizenz absolviert hatte
- erster Start mit einer vollbeladenen DC-3 (während Ausbildung und Prüfung war das Flugzeug immer nur leicht beladen)
- Heck beim Startlauf nicht angehoben (auf Anraten des Kapitäns, weil das Flugzeug schwer sei (?))
- Abhebeversuch aus Dreipunktlage und zu geringer Geschwindigkeit

Während des Startlaufs bricht das Flugzeug seitlich aus, was an den stark angestellten Propellerkreisen liegt, deren Schub dadurch seitlich abgelenkt wird. Außerdem wird das Seitenleitwerk durch den Rumpf teilweise "abgeschattet". So ist das Flugzeug nicht auf der Bahn zu halten.
Der induzierte Widerstand des aufgrund der Dreipunktlage stark angestellten Flügels erschwert oder verhindert sogar das Erreichen der erforderlichen Mindestgeschwindigkeit zum Abheben.

Als der Kapitän das Flugzeug vom Co-Piloten übernimmt, versucht er, es nach rechts zurück auf die Bahn zu bringen. Dabei hebt er das Flugzeug ab, ohne nennenswert an Höhe gewinnen zu können. Kurz danach reißt die Strömung am linken Tragflügel ab und das Flugzeug geht sehr unsanft zu Boden, das rechte Hauptfahrwerk knickt ein und ein Feuer bricht aus.

Bei einer DC-3 muß man mit dem Setzen der Startleistung das Steuer bis zum Anschlag nach vorn drücken und dort halten, damit das Heck so früh wie möglich angehoben wird. Bis zum Erreichen der Abhebegeschwindigkeit muß das Heck oben bleiben.

Wie im Fall vom Kindel, kommt man nicht umhin, Mängel bei der Ausbildung von Piloten für Spornradflugzeuge festzustellen.
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Thomas

Sollte man nicht die Vernunft anbeten, anstatt alle ihre Gegner?

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Re: Flugshow-Unfall in Eisenach-Kindel

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Mi 11. Mai 2022, 21:51

Ja, der Thomas hat die Problematik genau beschrieben. Nun ist die Flugmechanik das eine, und der Kopf das andere ... >grins<
Was meine ich:
Da wir nicht bei Jules Verne sind und nicht zum Mittelpunkt der Erde wollen, denke ich, daß das mit dem Startschub einhergehende maximale drücken der Steuersäule erforderlicher Weise auch ein Schalter im Kopf umgelegt werden muß. Das würde ich vermutlich nicht (ohne weiteres) hinbekommen, ist ja zunächst irrational.
Aber Spaß beiseite,
und mal die Worte K-M-S ergänzend die Kräfteverhältnisse "Start" am Vektordiagramm dargestellt:

Anrollen-Start.png
(Zum Vergrößern auf das Bild klicken)

Sichtbar wird, wenn auch nicht C-47 am Beispiel, das der zur Verfügung stehende Propellerschub S, solange SpornFW am Boden, sich aufteilt, bis die Längsachse parallel zum Boden gehoben ist.
Die den Unfall bewirkenden Negativmomente aus der Fehlhandlung wie Ruderbeaufschlagung / Gieren ... nicht betrachtet.

Diagramme oben: Erst beim Bild 4 - Halten über dem Boden - ist erstmals (ohne den Rollwiderstand) ein Gleichgewicht der Kräfte S = W+P(x) und damit "A = G" eingetreten! Anders sind die Sollwerte zum folgenden Steigflug nicht erzielbar.
Wenn landläufig gesagt wird, die Landung ist das schwierigste Element - nun ja, der Start scheint, zumindest mit C-47, ebenbürdig.

Ach so:
Der Erkenntnisgewinn ist aus dem vor-digitalen, fast christlichem, Zeitraum von 1959, wo man mit 15 noch mit "ziehen" himmelwärts kam >grins<
R.
Zu den Vektorangaben:
- A = Auftrieb
- G = Fluggewicht
- b(t) = Tangentialbeschleunigung
- P(x,y,z) = Kraftkomponenten in Richtung ...
- N(F, Sp) = Normalkraft am Fahrwerk
- R(F, Sp) = Reibungskraft Fahrwerk
- S = Luftschraubenschub
- W = Widerstand
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Re: Flugshow-Unfall in Eisenach-Kindel

Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Mi 11. Mai 2022, 22:30

Wobei erwähnt werden muss, daß der Unfall in Eisenach noch während des Unfalls weitgehend gebremst werden gekonnt hätte. Der Wasser-Notabwurf war aber nicht scharf.
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