Der Unfall der IL-62M DDR-SEW

Kilo Mike Sierra
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Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Mo 19. Jan 2009, 14:37

Am 17. Juni 1989 hatte ich Bereitschaftsdienst, aber den Unfall der Il-62M DDR-SEW habe ich nicht ganz so nah erlebt, daß ich hier als Augenzeuge auftreten könnte.

Das erste Einsatzfahrzeug der Flughafenfeuerwehr soll jedenfalls sogar extrem schnell am Unfallort gewesen sein (innerhalb von 2 bis 3 Minuten) und konnte daher sofort mit der Brandbekämpfung beginnen. Das war das schnelle "Eingreif-Fahrzeug", was immer mit voller Besatzung an der Rollbahn Echo zwischen den beiden Landebahnen postiert war. Als der Rauchpilz aufstieg, mußten die nur den Motor anlassen und losrasen. Mehr Tempo kann man sicher nicht verlangen.
Hätte es wirklich zwanzig Minuten gedauert, so wäre das Flugzeug beim Eintreffen der Feuerwehr doch bereits komplett verbrannt gewesen.

Da es ein Startunfall war, wurde sehr viel Löschmittel verbraucht, so daß mindestens eines der Löschfahrzeuge nachfüllen mußte.
Mit der Funkverbindung zu den Rettungskräfte gab es Schwierigkeiten, da sich der Unfallort in einer Bodensenke befand.

Die un- oder nur sehr leicht verletzten Passagiere wurden in der Tat mit Bussen weggebracht, allerdings nicht ins Krankenhaus, sondern gemäß Notfallplan in einen abgeschirmten Betreuungsbereich. Damit ist nicht ausgeschlossen, daß der eine oder andere Verletzte mit einem anderen, als einem Notarztwagen ins Krankenhaus gebracht wurde. Nur was spricht dagegen?
Ein Notarztwagen kann in der Regel nur einen Schwerverletzten transportieren. Bei den leichteren Fällen wird man somit bei Bedarf auch auf "normale" Fahrzeuge zurückgreifen müssen.

Zum Ausgang dieses Unfalls haben nicht nur die blockierte Höhensteuerung, der möglicherweise übergangene Ruder-Check oder der hektische Fehlgriff des Flugingenieurs beigetragen, sondern vor allem auch die elende Hindernissituation am Ende der Startbahn 25L. Es gibt auch heute nur wenige Flughäfen, die um ihre Startbahnen herum einen Sicherheitsstreifen haben, der seinen Namen auch verdient. Hier sollten durch die ICAO und die nationalen Luftfahrtbehörden endlich einmal neue Standards gesetzt werden. Ich sehe nicht ein, daß Flugzeuge immer wieder als Feuerball enden müssen, obwohl sie noch keinen Zentimeter in der Luft gewesen sind.
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Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Mo 19. Jan 2009, 14:58

Ja, ich glaube, hinter der betreffenden Landebahn war es sehr wellig.
In irgendeinem Artikel war eben beschrieben, das 20 Minuten keiner da war, und Krankenwagen erst von 30 km entfernt liegenden Stationen in Ost-Berlin anfahren mussten. Zudem sollen angeblich am Grenzübergang Rudower Chaussee Krankenwagen aus Wets-Berlin gewartet haben, aber die sollen nicht durchgelassen worden sein. Offenbar "Anti-DDR-Propaganda", denke ich.
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Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Mo 19. Jan 2009, 14:59

Hier ist der Artikel, auf der meine Fragen beruhten:
http://www.berlinonline.de/berliner-zei ... index.html

Und hier Wikipedia dazu:
http://de.wikipedia.org/wiki/Flugzeugun ... 3%B6nefeld
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Kilo Mike Sierra
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Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Mo 19. Jan 2009, 16:08

Einzelheiten mögen stimmen, die Hauptaussage, es hätte ewig gedauert, bis überhaupt jemand reagierte, ist einfach blödsinnig. Bei dieser angeblich so gigantischen Inkompetenz aller Dienste am Flughafen Schönefeld wären auf jeden Fall viele Köpfe gerollt. Der Generaldirektor und auch unser Direktor hätte uns alle rund gemacht.
Aus Sicht eines Unfallopfers in einem brennenden Flugzeug mag die Zeit bis zum Eintreffen der Hilfskräfte jedoch wie eine Ewigkeit erscheinen.

Spontan fallen mir folgende Gegenargumente ein:

- die riesige Rauchsäule war unübersehbar, bei bester Sicht (auch ich habe sie aus Berlin-Bohnsdorf ("Steintal") aufsteigen sehen)

- der Tower-Lotse erwartete, daß die Maschine aus der Senke aufstieg, um sie zum Frequenzwechsel aufzufordern,
sie kam aber nicht hoch, sondern nur eine Rauchsäule

- die Feuerwehr, die ebenfalls den Flugverkehr beobachtet, sah die Maschine ebenfalls nicht aufsteigen, sondern stattdessen die Rauchsäule

- die Maschine rief nicht wie üblich nach dem Abheben auf der Frequenz von Schönefeld Radar

- die Maschine erschien nicht auf dem Bildschirm des sie erwartenden Radar-Lotsen

- nachdem durch die Kollision die Antenne des Landekurssenders 25L teilweise zerstört worden war,
hätte der ILS-Monitorempfänger den Ausfall im Technischen Saal der Flugsicherung signalisiert

- es gab keine Ankündigung aus dem Cockpit, daß man zurückkehren wolle

All das passierte fast gleichzeitig und innerhalb von höchstens drei Minuten nach dem Beginn des Startanlaufs.


Ich erinnere mich, daß es in der Tat Angebote gab, Rettungswagen aus West-Berlin zur Unterstützung zu schicken. Das war sicher nicht nur eine Geste des guten Willens. Zu dieser Zeit war jedoch auch schon einige Zeit verstrichen, denn in Berlin (West) ist ja niemand offiziell alarmiert worden. Das Ausmaß des Unfalls konnte von dort auch nicht eingeschätzt werden. Allerdings konnte das brennende Flugzeug aus der Entfernung auch aus West-Berlin über die Mauer gesehen werden (in der Berliner Abendschau des SFB wurde am gleichen Abend ein privates Video gesendet).
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Re: Der Unfall der IL-62M DDR-SEW

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Mi 4. Feb 2015, 16:14

Ich würde nochmal die "-SEW" aufgreifen wollen, das Thema habe ich noch nicht abgeschlossen. Im Herbst des Jahres kam ich zu IF, die Geschichte hatte mich klar berührt, obwohl sie recht unterschwellig kommuniziert wurde.
Vielleicht kann ein Wartungstechniker eine adäquate Antwort zur Ursache Höhenruder (bei der neuen Maschine) beisteuern.
Als Segelflieger war kein Start bei mir Routine, eine Ruderprüfung immer!
Gehe ich nun mal von der Raumfahrt aus, wird hier generell am Limit gearbeitet, das hat etwas mit dem Last/Nutzlast-Faktor zu tun. Jeder kleinen Kleinigkeit beim Countdown außer Norm folgt unmittelbar der Startabbruch (eine Notlandung gibt es ja in der Branche nicht).
Die SEW aber rauscht bis zum Quasiabheben los ohne Ruder und ohne Signalisation, daß das Ruder blockt. Ist (mir) nicht erklärbar! Das Kopfkino in der Folge ist eine andere Geschichte.
Was hat denn nun das Ruder geblockt (von der technischen Seite)? Ohne, daß es erkenntlich war.
Bin neugierig
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Re: Der Unfall der IL-62M DDR-SEW

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Mi 4. Feb 2015, 22:09

Der elektrische Antrieb für die Ruder-Arretierung wurde nach dem Unfall ausgebaut und auf einem Prüfstand im "Dauerbetrieb" getestet und funktionierte einwandfrei. Er dürfte somit nicht defekt gewesen sein.

Es gab jedoch ein hausgemachtes Problem mit der Warnvorrichtung für inkorrekte Startkonfiguration.
Beim Setzen von Startleistung wurde eine logische Schaltung aktiviert, die wichtige Systeme auf korrekte Stellung für den Start prüfte (u.a. Stellung von Landeklappen und Stabilisator sowie auch die Entarretierung der Ruder) und ggf. eine Warnung ausgab.

Irgendwann in den 80er Jahren wollte man bei INTERFLUG auch das moderne Startverfahren mit reduziertem Startschub einführen. Dabei wird nicht die maximal verfügbare Startleistung, sondern nur eine für den Start erforderliche Triebwerksleistung gesetzt. Das schont die Triebwerke aufgrund der geringeren Temperaturen in den heißen Sektionen und reduziert auch die Lärmentwicklung, wobei der Steigflug natürlich etwas weniger steil ausfällt. So weit so gut.

Nachteil war nur, daß nun die Warnvorrichtung für inkorrekte Startkonfiguration nicht mehr automatisch beim Beginn des Startlaufes ausgelöst wurde. Mir wurde dazu berichtet, daß das OKB Iljuschin an einer für dieses Startverfahren erforderlichen Modifikation der Warnvorrichtung nicht sonderlich interessiert war. Das neue Startverfahren wurde bei der IF dennoch eingeführt und somit trugen nun die Besatzungen die Verantwortung, diese Prüfung selbst auszuführen - mit dem Risiko, sie u.U. doch einmal zu vergessen.

Ob bei dem Start der DDR-SEW die Überprüfung der Freigängigkeit der Ruder und der Takeoff Configuration Check vergessen wurden, ließ sich nicht feststellen. Die Flugdatenaufzeichnungsgeräte (Black Boxes) der Il-62 beginnen erst beim Ausfedern des Hauptfahrwerkes mit der Aufzeichnung, d.h. beim Abheben.
Daher konnte der Kapitän seine Unschuld nicht nachweisen und der Staatsanwalt konnte ihm ebensowenig irgendeine Schuld beweisen. Das Gericht entschied in diesem Fall richtig zugunsten des Angeklagten und sprach ihn frei. Der Generaldirektor der IF hatte jedoch seine ganz eigene Rechtsauffassung und befand den Kapitän trotz des Freispruches für "moralisch schuldig" und erhielt dessen Suspendierung vom Flugdienst aufrecht.
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Re: Der Unfall der IL-62M DDR-SEW

Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Do 5. Feb 2015, 00:11

Letzters spricht recht stark gegen Herrn Henkes. Andererseits verstehe ich nicht, warum Iljuschin, Tupolew und Co nie sonderlich Interesse hatten, Kundenwünsche durchzuführen. Gerade, wo ab 1988 der Einsatzbeginn westlichen Fluggeräts absehbar war.
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Re: Der Unfall der IL-62M DDR-SEW

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Do 5. Feb 2015, 18:50

Dankeschön für die ausführliche Darlegung. Hab ich voll verstanden.
Die andere Frage "IF" im Auge des großen Bruders ... Ich glaube, man war nicht ein "besonders" wer im kleinen Ländle. Auch russischer Eigensinn - nicht mal mit negativem Tuch belegt - spielt eine Rolle. Im miliärischen Bereich oft ähnlich, wenn auch hier nicht vergleichbar .
Danke
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Re: Der Unfall der IL-62M DDR-SEW

Ungelesener Beitragvon Flieger Bernd » Do 5. Feb 2015, 19:41

Das war der Flug 8:15 Uhr Moskau, tägliche Routine .....

Flieger Bernd war an diesem Tag auch auf der Platte, 9:20 Uhr Catania mit dem Herrn Genossen Staffelleiter Erich Metzger Bild DM-SCR
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Re: Der Unfall der IL-62M DDR-SEW

Ungelesener Beitragvon EA-Henning » Do 5. Feb 2015, 19:45

Interflug war wohl nicht beliebt bei den Reperaturbetrieben wegen ihrer Genauigkeit. Dürfte auch für Polen bei PZL gelten.
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