Unfall - Lion Air 737 MAX 8 (PK-LQP) Flug JT 610 & Ethiopian Airlines 737 MAX 8 (ET-AVJ) Flug ET 302

bluemchen
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Re: Unfall - Lion Air 737 MAX 8 (PK-LQP) Flug JT 610 & Ethiopian Airlines 737 MAX 8 (ET-AVJ) Flug ET 302

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Mo 18. Mär 2019, 23:10

Meine etwas intuitiv gestellte
bluemchen hat geschrieben:… Fachfrage an unsere Techniker: Wenn ein Sensor der Sicherheit wegen redundant konzipiert wurde …
hat sich erübrigt,
siehe diesen interessanten Artikel im Focus Online https://m.focus.de/finanzen/boerse/akti ... 70002.html

Offensichtlich bringe der Focus-Artikel auf den Punkt, was des Pudels Kern ist. Alle Fragen beantwortet.

Und zu Heiko - Zitat
"Für mich wäre es mal interessant zu wissen, wenn in beiden Flügen ein Airbus verwickelt gewesen wäre …"
… braucht es keine diplomatischen Höflichkeiten denke ich, es wäre für die Amerikaner das gefundene Fressen gewesen.
Ob die atlantisch gestrickte EU das allerdings auch so schnallt, bleibt zweifelhaft. Wenn Trump pfeift, tanzt Europa - so der bisherige Eindruck jedenfalls. Aber bleiben wir beim Thema, daß sich eben nicht ganz von der Politik lösen kann

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Kilo Mike Sierra
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Re: Unfall - Lion Air 737 MAX 8 (PK-LQP) Flug JT 610 & Ethiopian Airlines 737 MAX 8 (ET-AVJ) Flug ET 302

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Do 21. Mär 2019, 02:36

Der Anti-Boeing-Artikel des Focus erfüllt die heutigen journalistischen Standards. Nichts genaues wissen, dieses fehlende Wissen aber fertig einordnen, so daß sich der Leser keine eigene Meinung mehr bilden muß. Warum beläßt man es nicht bei der Wiedergabe der gesicherten Fakten?
Irgendein deutsches Nachrichtenmagazin hatte doch vor Jahren mit dem Spruch "Fakten! Fakten! Fakten!" Fernsehwerbung gemacht.

Kleine Kostprobe:
... deutet alles darauf hin, daß ...
... ist offenbar ...
... es deutet viel darauf hin, daß ...
... womöglich sorgte Boeing dafür, dass diese Mängel mehr oder weniger ignoriert wurden ...
... scheinen ...

Außerdem wird wieder der Längsneigungswinkel mit dem Anstellwinkel verwechselt, aber das halte ich bei Nicht-Fachjournalisten für verzeihlich.
Allerdings konsultiert man aus unerfindlichen Gründen keine Fachleute, sondern verläßt sich auf das Orakel einer Anlageberatungsfirma und druckt deren spekulatives Geschwätz ab.
Das Programm wurde aus der Panik heraus geboren. Boeing hatte vor allem Angst davor, seinen größten und wichtigsten Kunden zu verlieren.

Ja, Boeing in Panik - ganz bestimmt. Zur Zeit mag das zutreffen, aber nicht beim Programmstart der 737 MAX.

Daß man dann sogar mit Airbus kommt, die angeblich nicht solche "Anfängerfehler" (Zitat Focus) wie Boeing machen, darauf habe ich schon gewartet.
Das läßt sich leicht widerlegen. Dazu genügt es schon, den als positives Gegenbeispiel aufgeführten A320 zu betrachten, aber auch die Modelle A300/A310 und A330/A340. Gerade die letztgenannten Modelle hatten ganz ähnlich gelagerte Probleme mit der automatischen Trimmung.
Wobei ich auch Airbus nicht unterstelle, daß diese Probleme durch Anfängerfehler verursacht worden sind.


Die strafrechtliche Untersuchung des Zulassungsverfahrens der 737 MAX wurde nicht erst jetzt, sondern bereits kurz nach dem ersten Unfall (Lion Air) in Gang gesetzt. Ob die Beteiligten geahnt haben, daß ihnen die Zeit davonläuft?


Zum Schluß noch ein Rückblick auf den Unfall der Concorde bei Paris. Danach wurde der Concorde das Lufttüchtigkeitszertifikat umgehend entzogen. Die einleuchtende Begründung lautete damals: Ein Flugzeugtyp, bei dem das Versagen einer einzelnen redundanten Komponente (Reifen des Hauptfahrwerks) zur Katastrophe führen kann, ist nicht verkehrssicher.
Mit Blick auf die 737 MAX hätte ihr bei Anwendung der gleichen Logik das Zertifikat unmittelbar nach dem Unfall der Lion Air entzogen werden müssen.
Mir ist diese Sicht auf die Dinge aber auch erst jetzt (wo es zu spät ist) in den Sinn gekommen.

Laut Darstellung des Fachmagazins Flight International, war es Präsident Donald Trump, der durch den Erlass einer Executive Order die FAA "par ordre du Mufti" aus ihrer Starre aufgeweckt hat. Er war also nicht nur der Verkünder eines gemeinschaftlich und einvernehmlich gefaßten Entschlusses. Zuvor war er von verschieden Seiten kontaktiert worden, weil wohl doch manche das herannahende Desaster (MCAS erneut beteiligt) geahnt haben.


Zum MCAS schreibe ich demnächst noch etwas.
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Thomas

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bluemchen
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Re: Unfall - Lion Air 737 MAX 8 (PK-LQP) Flug JT 610 & Ethiopian Airlines 737 MAX 8 (ET-AVJ) Flug ET 302

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Do 4. Apr 2019, 11:26

Das MCAS ist das eine,
das "Drumherum" das Andere und das scheint immer größere Ausmaße anzunehmen, wenngleich man sich immer noch auf gewissem spekulativem Feld befindet.

Daß nicht alles und alleinig MCAS ist, kommt hier zum Ausdruck https://www.aerotelegraph.com/gab-es-no ... ng-737-max
und könnte in die Erwägung einfließen.
Etwas allgemeiner in diesem Artikel mit Bezug auf "dpa": https://sptnkne.ws/mePN
und
zur allgemeinen Berichterstattung kann man auch in die "The Seattle Times" sehen, fast täglich zum Problem, wie z.B. gestern https://www.seattletimes.com/business/
(kann abonniert werden)
Hier ist alles noch lange nicht auf dem grünem Wege und schlicht mal ein Update in die Runde werfen nach 345 Opfern - >kratz< Die Fragen bleiben.
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Re: Unfall - Lion Air 737 MAX 8 (PK-LQP) Flug JT 610 & Ethiopian Airlines 737 MAX 8 (ET-AVJ) Flug ET 302

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Fr 5. Apr 2019, 22:56

Als ich gestern den Zwischenbericht der äthiopischen Untersuchung gelesen habe, ist mir schwindlig geworden. Nicht nur Boeing hat jetzt ein noch viel größeres Problem, sondern auch die FAA.

Boeing hat nach dem Unfall der Lion Air allem Anschein nach eine Notfallprozedur an die Betreiber der 737 Max verschickt, die unter realen Bedingungen nicht funktioniert. Wie jetzt offiziell fest steht, hatten die äthiopischen Piloten das Problem mit der Trimmung umgehend erkannt und gemäß der neuen Handlungsanweisung von Boeing richtig reagiert, indem sie die elektromechanische Trimmung komplett ausgeschaltet haben, aber die Anwendung dieser Boeing-Prozedur hat sie nicht gerettet.

Aufgrund der fehlerhaften Vertrimmung in Richtung "Nose down" hat das Flugzeug kontinuierlich Fahrt aufgenommen und Höhe verloren. Da dabei die sowohl auf das Höhenruder als auch auf das trimmbare Höhenleitwerk einwirkenden Luftkräfte überproportional zunahmen, konnten sie die Trimmung auf manuellem Wege nicht mehr zurückstellen. Das Trimmrad ließ sich am Ende nur noch mit übermenschlicher Kraftanstrengung verstellen.
Wahrscheinlich aus diesem Grund schalteten sie die elektromechanische Trimmung nach einiger Zeit wieder ein, um es wenigstens damit zu versuchen. Doch das MCAS-System begann kurz darauf, die Trimmung wieder in Richtung "Nose down" zu verstellen, so daß das Flugzeug Sekunden später noch extremer als vorher vertrimmt war.

Auch die FAA steckt jetzt in Schwierigkeiten, weil all das unter ihrer Aufsicht geschehen konnte. Die Behörde wird u.a. die Frage beantworten müssen, warum die 737 MAX nicht schon kurz nach dem Lion Air Absturz bis auf weiteres aus dem Verkehr gezogen worden ist. Gründe dafür lagen in ausreichendem Maße vor: Totalverlust aufgrund eines einzigen(!) fehlerhaften Flugparameters (Anstellwinkel), der sich jederzeit wiederholen kann, solange die Ursache nicht geklärt ist.

Die Boeing 737 Serie ist nun zum zweiten Mal in eine massive Sicherheitskrise geraten. Vor etlichen Jahren hatte es mehrer mysteriöse Abstürze (ohne Überlebenschance) gegeben, weil das Seitenruder mitten im Flug plötzlich auf Anschlag gelaufen war (Rudder Hardover) und das Flugzeug daraufhin in einen nicht auszusteuernden Spiralsturz überging. Die genaue Ursache wurde nicht gefunden, aber immerhin ein möglicher "Fehlermodus", der dann durch eine Modifikation eliminiert wurde - offenbar mit Erfolg.


Weil es nirgendwo erwähnt wird, wie komplex das Problemszenario für die Piloten von Lion Air und Ethiopian Airlines gewesen ist, möchte ich es hier verdeutlichen.
Aufgrund des fehlerhaften Anstellwinkelwertes ist seit dem Abheben von der Piste einer der beiden als taktile und akustische Überziehwarnung dienenden Stick Shaker permanent aktiv gewesen. Die Folge sind nicht nur ein ziemlicher Lärm im Cockpit, sondern auch ein zu flacher Steigflug. Denn wenn beim Abheben der Stick Shaker kommt, wird erst einmal kein Pilot sein Flugzeug in der üblichen Weise in den Steigflug ziehen. Stattdessen hält er den Steigflug vorsichtshalber erst einmal flach und beobachtet, wie sich das Flugzeug verhält. Die Folge dieses zu flachen Steigfluges sind ein zu geringer Höhengewinn (der sich bei den nachfolgenden massiven Flugsteuerungsproblemen bitter rächen wird) und eine stark zunehmende Geschwindigkeit. Der nicht verstummende Stick Shaker (eine der kritischsten Warnungen, hier aber falsch) sorgt allein schon für höchsten Streß. Wenn dann beim Einfahren der Klappen und nach wie vor aggressiv warnendem Stick Shaker die Trimmung dann noch auf Anschlag läuft, dann befinden sich die Piloten in einer extremen Streßsituation.
So weit es sich aus dem Zwischenbericht erkennen läßt, sind die beiden äthiopischen Piloten bis zum Schluß mental handlungsfähig geblieben und haben um das Flugzeug gekämpft.
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Thomas

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Ungelesener Beitragvon bluemchen » So 7. Apr 2019, 23:28

Kilo Mike Sierra hat geschrieben:Die Boeing 737 Serie ist nun zum zweiten Mal in eine massive Sicherheitskrise geraten.

Nach der "The Seattle Times" vom letzten Freitag
will Boeing seine Produktionsrate im Werk Renton reduzieren, was als Hinweis darauf gewertet wird, daß das Unternehmen meint, die MAX so schnell nicht wieder in die Luft zu bringen, wie ursprünglich gedacht …

Wenn der Ausstoß monatl. 52 Maschinen umfasste, sollen es künftig 1/5 weniger -also immerhin noch 42 Stück sein. Die Leerflüge zu den Kunden bleiben erlaubt, wenngleich die Airlines auch immer weniger Abstellfläche zur Verfügung haben.
Bliebe die Frage, wie der Auslieferungszustand selbst ist, denn von den Upgrades / Updates ist doch wohl noch nichts zertifiziert und so schnell setzt doch keiner mehr seine Unterschrift
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