Landeunfall eines Aeroflot SSJ in Moskau.

bluemchen
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Re: Landeunfall eines Aeroflot SSJ in Moskau.

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Di 7. Mai 2019, 00:37

Aktuell Montag: Der Flugdatenschreiber (FDR) und Stimmenrecorder (CVR) wurden geborgen

Zum Zustand:
Die FDR des in Sheremetyevo verbrannten SSJ-100 ist schwer beschädigt.
Das Interstate Aviation Committee stellte auch fest, dass sich der CVR in einem zufriedenstellenden Zustand befindet.

- Dies wird am Montag auf der Website des Interstate Aviation Committee (IAC) berichtet.
"Der FDR wurde starken Temperatureinflüssen ausgesetzt und wurde schwer beschädigt. Der Tonaufnahmegerät befindet sich in einem zufriedenstellenden Zustand", heißt es im Bericht.

Die IAC fügte hinzu, dass "alle Fluginformationen kopiert, für die Dekodierung und Analyse vorbereitet wurden. Die Untersuchungskommission wird innerhalb von 30 Tagen einen Vorbericht über die Ergebnisse ihrer Arbeit mit Empfehlungen zur Betriebssicherheit erstellen und vorlegen, stellte die IAC fest.

Soweit nach Tass Montag 23 Uhr, das läßt auf objektive Aussagen schließen. Vor allem, warum das überaus harte Aufsetzen letztlich als Auslöser einer so nicht erwarteten Katastrophe, nach einem Endanflug ohne Funkkommunikation (und vermutlichen Systemausfällen?)
R.
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bluemchen
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Re: Landeunfall eines Aeroflot SSJ in Moskau.

Ungelesener Beitragvon bluemchen » Di 7. Mai 2019, 13:17

Die Katastrophe ist gerade 2 Tage alt und schon tönt es: Pilotenfehler!

Es gibt viel abzuwägen, aber das ist mir zu billig. So führt man an, die Entscheidung zum Durchfliegen einer Gewitterfront, die u.U. eine Blitzentladung nach sich zog mit gravierenden Auswirkungen auf die Maschine,
in der Folge zu schneller Landeentscluß - es gibt tatsächlich nur eine Schleife: https://www.flightradar24.com/data/flig ... /#20671283
in der Folge zu hohe V-Lande; zu hohes Landegewicht: zu hohe Sinkrate;

Das die Besatzungen anstelle manuellem Fliegen das Bedienen von Computern lernen, ist zumindest seit AirFrance (Atlantik) schon in der Kritik;
was die Glascockpits gegenüber dem Uhrenladen bei einem Systemausfall zur Lagebeurteilung noch hergeben, mit welcher Redundanz, weiß ich nicht - ein Blick darauf
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... ockpit.jpg ,

und welche Möglichkeiten die Crew mit den Slats/Laps noch hatte (oder eben nicht), wird die Auswertung zeigen
Eingefügt:
- Eben vergangenen Monat bot die DGLR in der TUB eine Veranstaltung mit dem Thema LIEBHERR und speziell auch zu "Liebherr-Aerospace". Interessant hierbei die Kooperation mit Suchojs Projekt SSJ.
Liebherr liefert die speziell entwickelte Klappensteuerung und diese ist elektrisch ausgelegt:
SSJ (Liebherr) (2).png
- Kurzvideo hier: https://www.youtube.com/watch?v=S09bfYX066E
Festzuhalten bleibt - die SSJ ist ein Qualitätsprodukt
Womit die Crew letztendlich zu kämpfen hatte, wird die Auswertung zeigen, vorschnelle Schüsse halte ich für total verfehlt
# # #
R.
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Kilo Mike Sierra
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Re: Landeunfall eines Aeroflot SSJ in Moskau.

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Di 7. Mai 2019, 18:20

Landungen, bei denen das Flugzeug wieder abprallt (bounced landing), sind extem gefährlich. Nach dem das Flugzeug ungewollt wieder vom Boden losgekommen ist, muß man wirklich alles richtig machen. Ansonsten wird die nächste Bodenberührung noch härter.

Bislang ist jedoch nicht bekannt, ob und mit welchen Flugsteuerungsproblemen die Piloten zu kämpfen hatten. Jetzt schon einen Pilotenfehler erkannt haben zu wollen, ist daher wirklich nur eine dreiste Behauptung.

Es genügt in einer solchen Situation nicht, mit dem Höhenruder die Längsneigung oder die Sinkgeschwindigkeit korrigieren zu wollen. Da das Flugzeug bei der Landung immer auf der „Rückseite der Powerkurve“ geflogen wird und die Triebwerke kurz vor dem Aufsetzen im Leerlauf arbeiten, verliert es schon aus diesen Gründen an Geschwindigkeit und somit an Auftrieb. Wird dann noch gezogen, z.B. um den zweiten Aufschlag abzumildern, erhöht sich der (induzierte) Widerstand noch weiter, die Tendenz zum Fahrt- und Auftriebsverlust wird noch größer und der Flugbahnwinkel wird steiler - nicht flacher wie erhofft. Alles wird noch schlimmer.

Meist ist es also notwendig, nach dem Hochspringen von der Landebahn sofort den Triebwerksschub zu erhöhen, gewissermaßen um dem Flugzeug wieder Energie zuzuführen. Damit kann man den Flugbahnwinkel beim nächsten Aufsetzen dann wirklich etwas abflachen.

Unter Umständen wäre auch ein Go-Around-Manöver die beste Lösung, wie bei einem Touch-and-Go, sofern die Schubumkehr noch nicht aktiviert worden ist.

Sehr kritisch ist es auch, wenn das Flugzeug mit dem Bugfahrwerk zuerst aufsetzt, weil dann kommt noch eine starke Hebelwirkung dazu (Drehung des Flugzeuges um die Achse des Bugfahrwerkes), die den Anstellwinkel am Flügel wieder erhöht, ohne daß der Pilot das noch irgendwie verhindern kann. Die Folge ist ebenfalls ein besonders hartes Aufsetzen der Hauptfahrwerke sowie das unkontrollierte Wiederabheben von der Bahn.

Ein Pilot hat in diesen kritischen Momenten und wahrscheinlich nie geübten Situationen praktisch nur eine Sekunde Zeit, um zu entscheiden und mit der Ausführung zu beginnen.

Zur Zeit werden die flugmechanischen Simulationsmodelle der Flugsimulatoren verbessert, um genau diese Bounced Landing Situationen besser trainieren zu können.
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Thomas

Heute schon für irgend etwas sensibilisiert worden?

Kilo Mike Sierra
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Re: Landeunfall eines Aeroflot SSJ in Moskau.

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Sa 11. Mai 2019, 22:34

Kilo Mike Sierra hat geschrieben:...
Bislang ist jedoch nicht bekannt, ob und mit welchen Flugsteuerungsproblemen die Piloten zu kämpfen hatten.
...

Das Fly-by-Wire Flugsteuerungssystem soll ausgefallen gewesen sein (offizielle Quelle fehlt mir), so daß das Flugzeug im Direct Mode gesteuert werden mußte, der gegenüber dem Normalmode eingeschränkt ist.
Ob im Direct Mode die Ground Spoiler (Interzeptoren) nach dem Aufsetzen noch ausfahren können, weiß ich leider nicht.
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Thomas

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