Holger Lorenz 'Die deutsche Variante der sowjetischen IL-14P'

Kilo Mike Sierra
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Re: Holger Lorenz 'Die deutsche Variante der sowjetischen IL-14P'

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Sa 13. Jul 2019, 20:07

Geburtstag! Heute vor 69 Jahren absolvierte die Il-14 ihren Erstflug.
Der dürfte von unten betrachtet ungefähr so ausgesehen haben.
Bild
Flight. Il-14 RA-1114K(СССР-91612) by Aleksander Markin. Александр Маркин, on Flickr

Bei diesem Flugzeug stimmen die Proportionen noch.

Zwischen der Junkers F 13 und der Il-14 liegen 31 Jahre. Auf halbem Wege dazwischen kam die Douglas DC-3. Wie man da die Il-14 als die "DC-3 des Ostens" bezeichnen kann, ist mir rätselhaft. Dann müßte man die DC-3 auch als die F 13 der Amerikaner bezeichnen können.
Damit kein Mißverständnis aufkommt - Holger Lorenz hat in seinem Buch keine solche Einordnung vorgenommen.

Ich bin in dem Buch inzwischen ein paar Kapitel weiter gekommen. Dabei sind mir Fragen zur den anfangs verwendeten Kennzeichen gekommen.
In den Anfangsjahren der DDR-Luftfahrt gab es kein System für die Vergabe der zivilen Luftfahrzeugkennzeichen, zumindest kein offensichtliches.
So wurden die ersten, noch in der UdSSR gebauten Il-14P der Deutschen Lufthansa als DDR-ABA, -ABF, -ABX und -ABZ registriert. Warum diese großen Lücken in der Buchstabenreihe? Sollte da die Illusion einer viel größeren Anzahl von vorhandenen Flugzeugen geschaffen werden?
Danach kamen die Werkskennzeichen DDR-AVF (Baunummer 1 aus deutscher Produktion) und DDR-AVI für die sowjetische Mustermaschine.
Die erste Dresdner Il-14P für die Lufthansa (Baunummer 5) wurde auf der Leipziger Frühjahrsmesse mit dem "Kurzzeit"-Kennzeichen DM-SFK ausgestellt. Das S deutet auf die Lufthansa hin, doch trug das Flugzeug da noch keine Lufthansa-Bemalung.

Sind all diese irreführenden Kennzeichen so etwas wie taktische Nummern bei Militärflugzeugen gewesen?
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Thomas

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Kilo Mike Sierra
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Il-14 mit Rolls-Royce Dart PTL-Triebwerken und Druckkabine

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Di 23. Jul 2019, 22:31

Auf Seite 182 des Buches gab es für mich eine "erwartete Überraschung". Der Autor beschreibt dort das Projekt einer Il-14 Turbo mit der Projektbezeichnung P3. Ich hatte mich schon oft gefragt, ob die Dresdner nicht auch irgendwelche Weiterentwicklungen der Il-14P ins Auge gefaßt hatten - deshalb nenne ich das eine erwartete Überraschung. So sollte die im Buch abgebildete Projektvariante P3.1 mit zwei Rolls-Royce Dart RDa.7/1 Propellerturbinen von jeweils 1.910 äPS, einem um 1 m verlängerten Rumpf (à la Il-14M) und einer Druckkabine ausgestattet werden.

Bild
Rolls-Royce Dart by S Powney, on Flickr

Eine solche PTL-Weiterentwicklung der Il-14P wäre auf jeden Fall höher, schneller und weiter geflogen oder hätte auf gleiche Entfernung eine deutlich höhere Nutzlast transportieren können. Während die Rumpfverlängerung und der Einbau der Propellerturbine relativ einfach zu lösende Aufgaben sind, hätte die Einführung der Druckkabine umfangreiche konstruktive Veränderung am Rumpf erforderlich gemacht.

Der Rumpf der Il-14P ist mit Hautblechen von 1,8 bis 0,6 mm Dicke beplankt. Besonders die dünneren Bleche hätten durch stärkeres Material ersetzt werden müssen. Auch Fenster, Türen, Luken, Bugfahrwerksschacht und sämtliche Kabel- und Leitungsdurchführungen sowie die großen Kabelkanäle hätten um- oder neukonstruiert werden müssen, um tauglich für eine Druckkabine zu sein.
Der Einbau eines Druckspantes vor dem Cockpit hätte den Zugang zu den Instrumenten und Autopilot-Komponenten durch die Bugklappe unmöglich gemacht.
Die Kühlung der Spannungsregler im Funkerraum per Warmluftabsaugung über ein großes auf der rechten Rumpfaußenseite angebrachtes Venturi-Rohr ist unvereinbar mit einer Druckkabine und hätte ebenfalls völlig anders gelöst werden müssen.
All diese Probleme sind lösbar, in ihrer Summe stellen sie jedoch einen erheblichen konstruktiven Aufwand dar, der eine komplette Neukonstruktion nahelegt.

Mit einer so vereinfachten Flugerprobung und Zulassung wie bei der "nachgebauten", aber bereits zugelassenen Il-14P wäre man nicht davongekommen. Fraglich ist zudem, ob die Flügelstruktur den deutlich höheren Fluggeschwindigkeiten gewachsen gewesen wäre (Flattern).

Mit diesen "pessimistischen" Einwürfen möchte ich verdeutlichen, daß man sich in Dresden mit einer Il-14 PTL-Variante wahrscheinlich noch ein weiteres Mal kräftig verhoben hätte. Der im Entwurf bereits weit fortgeschrittenen 153A hätte ich da viel bessere Chancen eingeräumt.

Leider blieb das Vorhaben eine Papierstudie und wenn man das Buch gelesen hat, versteht man auch warum.

Die DDR-Flugzeugindustrie hatte einerseits ein hohes wissenschaftlich-technisches Niveau, war aber andererseits ein organisiertes Planungschaos, was den Fortschritt gehörig bremste. Waren mit der Aufnahme der Il-14P Produktion die großen Anfangsschwierigkeiten endlich bewältigt worden, so wurde wenig später mit der Priorisierung der noch gar nicht produktionsreifen 152 die mühsam aufgebaute Produktion torpediert, indem sie zur Nebensache wurde und kurz darauf auch noch eingestellt worden ist.

Das waren jedoch nicht die einzigen Gründe für das Auslaufen der Il-14P Produktion in der DDR. Entgegen anfänglichen Verlautbarungen war die Sowjetunion plötzlich nicht mehr geneigt, die Il-14P in großer Stückzahl abzunehmen. Gleichzeitig wurde jedoch lange Zeit völlig versäumt, sich aktiv um andere Kunden zu bemühen.

Vernichtend dürfte auch die durch die UdSSR "verweigerte" Lieferung von Gerätesätzen (Cockpitinstrumente, Autopilot, Funkanlagen usw.) gewesen sein. Es gab nur eine "Anschublieferung" von 80 Gerätesätzen. Die sowjetische Seite erwartete offensichtlich, daß die DDR auch eine eigene Geräteindustrie aufbauen würde, die all diese (ziemlich veralteten) Luftfahrtgeräte herstellen würde. Es gab tatsächlich Anfänge eines Luftfahrtgerätebaus in der DDR (z.B. beim VEB Junkalor Dessau), der bereits erste Instrumente für die Il-14P, 152 und 153A herstellte. Angesichts der realistisch zu erwartenden Stückzahlen, insbesondere nach dem Rückzug der Sowjetunion als Abnehmer, konnten diese Bemühungen jedoch nur eingestellt werden.
Es scheint somit kein Zufall zu sein, daß die Produktion der deutschen Il-14P nach 80 Exemplaren eingestellt worden ist.
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Thomas

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Mucha100
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Re: Holger Lorenz 'Die deutsche Variante der sowjetischen IL-14P'

Ungelesener Beitragvon Mucha100 » Mo 29. Jul 2019, 23:08

Seufz ...,
da macht sich eine große Nachdenklichkeit breit.

Was haben die Tschechen z.B. von den "Brüdern" anders gemacht? Trotz Gleichschaltung gab es offensichtlich unterschiedliche ökonomische Auffassungen und die Partei als Hirn der Klasse, Kraft der Klasse, Macht der Klasse hierzulande als übergeordnetes Machtorgan in der Hirarchie bestätigte ihre Unfähigkeit, nicht die Genossen, Kollegen an den Reißbrettern und Maschinen.
Was den Feinwerk-/Gerätebau betrifft
Kilo Mike Sierra hat geschrieben: Es gab tatsächlich Anfänge eines Luftfahrtgerätebaus in der DDR (z.B. beim VEB Junkalor Dessau)

meine ich, daß dieser durchaus Potential hatte, auch Internat. zu bestehen. Da fällt mir aus der Fernmeldebranche der Gerätebau Medingen (Sachs.) ein, ohne mehr zu wissen, ob dort auch für den Lfzg-Bereich gearbeitet wurde, wie viele Entwicklungen und Produktionen auch unter Geheimhaltungsprämissen stattfanden, die nie der Öffentlichkeit bekannt wurden, aber Zeugnis von den Fähigkeiten ablegten.

Nur - die Heute-Sicht taugt zu nichts mehr. Leider.
Aber abgesehen davon - eine "Turbo-14" in der Ästhetik, genauso wie die "Turbo-Anna" ist wohl auch Ansichtssache. Somit fehlt mir das Bedauern dieser Nichtentwicklung.

Lieben wir die IL-14 wie sie (natürlich) aus Dresden kam.
VG
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Re: Holger Lorenz 'Die deutsche Variante der sowjetischen IL-14P'

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » So 4. Aug 2019, 15:31

In dem Buch gibt es leider keinen Seitenblick auf die tschechische Il-14 Produktion (Avia Av-14). Bis heute verstehe ich nicht, warum man das Flugzeug nach der großen Serie in der UdSSR in den beiden Satellitenstaaten parallel produziert hat. Die Stückzahlen blieben mager bzw. jämmerlich: 203 in der ČSSR und 80 in der DDR.
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Thomas

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Re: Holger Lorenz 'Die deutsche Variante der sowjetischen IL-14P'

Ungelesener Beitragvon heiko76 » Fr 9. Aug 2019, 16:32

Aktuell zum Thema steht in der heutigen Ausgabe der Freien Presse ein lesenswerter Artikel über Holger Lorenz.

Link zum Artikel: Freie Presse 09.08.2019

VG Heiko
Zuletzt geändert von heiko76 am Fr 9. Aug 2019, 22:28, insgesamt 1-mal geändert.
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"A good airplane must primarily possess beautiful forms" ... A.N.Tupolev

Kilo Mike Sierra
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Re: Holger Lorenz 'Die deutsche Variante der sowjetischen IL-14P'

Ungelesener Beitragvon Kilo Mike Sierra » Fr 9. Aug 2019, 20:14

Danke, Heiko.

Was da über den Werdegang von Holger Lorenz steht, war mir noch nicht bekannt. Mir hat er einmal geschrieben, daß er Philosoph sei, was wiederum nicht in dem Artikel steht. Daß das Archiv des ehemaligen VEB Flugzeugwerke Dresden für ihn wie so etwas wie ein Bonbonladen für Kinder gewesen ist, das habe ich mir allerdings auch schon immer so vorgestellt. Die Begeisterung und Motivation für die gründliche Recherche tropft förmlich aus den Zeilen, die er schreibt.

Über Herkunft und Bedeutung des "P" in der Typenbezeichnung Il-14P müssen wir aber noch einmal reden. Dazu hatte ich weiter oben schon leichte Zweifel angemeldet.

Bild
DDR-SAM - Il-14 [SXF] ex NVA, now being restored at Berlin-Tempelhof airport by Eric Bannwarth, on Flickr.

So, ich zähle jetzt einmal, wieviele Bücher ich von Holger Lorenz im Schrank habe.
...
Es sind genau acht. Genau so viele wie im Artikel erwähnt werden.
Dazu kommen noch ein paar Exemplare, die ich verschenkt habe.
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Thomas

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Re: Holger Lorenz 'Die deutsche Variante der sowjetischen IL-14P'

Ungelesener Beitragvon heiko76 » Fr 9. Aug 2019, 22:34

Kilo Mike Sierra hat geschrieben:So, ich zähle jetzt einmal, wieviele Bücher ich von Holger Lorenz im Schrank habe.


Habe von H.L. bisher nur das Buch 'Die Absturzursachen des DDR-Jets "Baade-152"' eine sehr interessante Lektüre werde mir aber sicherlich das Buch zur IL-14 noch dazu kaufen.
Den Artikel aus der Printausgabe der F.P. werde ich mal sicherheitshalber aufheben falls die Verlinkung eines Tages mal ohne Funktion sein sollte.

VG.Heiko
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